Wer ein Smartphone, einen Laptop oder einen ausgedienten WLAN-Router ersetzt, verbindet das alte Gerät meist mit Elektroschrott statt mit Edelmetallen. Dabei steckt in vielen Geräten deutlich mehr Wert, als Gehäuse aus Kunststoff und verkratzte Bildschirme vermuten lassen. Forschende demonstrieren jetzt, wie sich aus vermeintlichem Elektroschrott nahezu nebenbei reines Gold zurückgewinnen lässt – durch ein Verfahren, das eher an eine Käserei als an eine Chemieanlage erinnert.
Warum ausgediente Elektronik unerwartet wertvoll ist
Weltweit fallen jährlich Millionen Tonnen Elektroschrott an. Kaputte Mobiltelefone, ausrangierte PCs, Tablets, Server und Kabel werden nach einigen Jahren vom nützlichen Alltagsgegenstand zum Kellerfund oder gelangen in zweifelhafte Recyclingströme.
Gerade darin liegt das Überraschende: Ausgemusterte Elektronik ist eine Art Goldmine in der Stadt. Platinen und Komponenten enthalten neben Kupfer und Silber auch Nickel, Palladium und Gold – teils in bemerkenswert hohen Konzentrationen.
Studien zeigen: Eine Tonne sorgfältig behandelter Elektronikreste kann bis zu 400 Gramm Gold enthalten – mehr als viele klassische Goldminen liefern.
Fachleute betrachten diese Geräte daher nicht bloss als Abfall, sondern als „sekundäre Rohstoffquelle“. Die enthaltenen Materialien wurden bereits abgebaut, transportiert und verarbeitet. Es geht also nicht darum, ob sie wertvoll sind, sondern darum, wie sich dieser Wert ohne zusätzliche Umweltschäden wiedergewinnen lässt.
Weshalb Handys und Computer Gold enthalten
Gold befindet sich nicht wegen seines Glanzes in elektronischen Geräten, sondern wegen seiner technischen Eigenschaften. Es leitet Strom ausgezeichnet und reagiert kaum auf Sauerstoff oder Feuchtigkeit. Damit eignet sich das Metall besonders gut für empfindliche Kontakte.
Gold kommt vor allem in folgenden Bereichen vor:
- Kontakten von Steckverbindungen und SIM-Karten-Steckplätzen
- Leiterbahnen sowie Kontaktflächen auf Hauptplatinen
- winzigen Bauteilen, bei denen höchste Zuverlässigkeit erforderlich ist
- älteren Steckkarten, Prozessorfassungen und Spezialkomponenten
Die Goldmenge eines einzelnen Geräts ist gering und beträgt häufig nur wenige Milligramm. Über Millionen von Geräten hinweg entsteht daraus jedoch ein grosser Rohstoffbestand. Diese gebündelte Konzentration macht Elektroschrott für die Rückgewinnung von Metallen besonders interessant.
Die problematische Seite des herkömmlichen Elektronik-Recyclings
Über lange Zeit wurde Gold mit rücksichtslosen Verfahren aus Altgeräten herausgelöst. In einigen Regionen verbrennen Menschen Platinen direkt, um an die Metalle zu kommen. Andere setzen stark aggressive Stoffe wie Cyanid oder Quecksilber ein.
Das hat gravierende Folgen: Es entstehen giftige Dämpfe, Böden und Grundwasser werden belastet, und Arbeiterinnen sowie Arbeiter erkranken. Das zurückgewonnene Gold findet später oft seinen Weg in Ringe oder neue Elektronik – während die Kosten dafür andere Menschen fernab der Konsumzentren tragen.
Der eigentliche Konflikt liegt nicht im Metall, sondern in der Art, wie wir es zurückholen.
Industrielle Anlagen arbeiten zwar wesentlich sauberer als informelle Hinterhofbetriebe, benötigen aber weiterhin komplizierte und energieaufwendige chemische Prozesse. An diesem Punkt kommen neuartige biologische Verfahren ins Spiel.
ETH Zürich gewinnt Gold aus Platinen mit Käse-Abfall
Ein Team an der ETH Zürich hat einen ungewöhnlichen Ansatz entwickelt, um Gold aus Elektroschrott zu extrahieren: Es verwendet Proteine aus sogenanntem Molke- oder Käsereiabwasser. Dabei handelt es sich selbst um einen Reststoff aus der Käseherstellung.
So funktioniert das Verfahren
Vereinfacht betrachtet besteht die Methode aus diesen Schritten:
- Elektronische Komponenten wie Platinen werden unter kontrollierten Bedingungen in einer Lösung aufgeschlossen.
- Aus Molkeproteinen entstehen feine Fibrillen, also sehr kleine fadenartige Strukturen.
- Diese Fibrillen binden gezielt Gold-Ionen aus der Flüssigkeit.
- Beim Erhitzen formt sich das gebundene Gold zu einem festen Stück mit hoher Reinheit.
In einem Versuch gewannen die Forschenden aus lediglich 20 Hauptplatinen rund 450 Milligramm Gold mit einem Feingehalt von 22 Karat. Diese Menge mag klein erscheinen. Sie wird jedoch greifbar, wenn man berücksichtigt, wie viele Platinen sich etwa in einem Rechenzentrum oder einem Sammelcontainer befinden.
Aus 20 ausrangierten Platinen entsteht ein kleines, aber echtes Stück Gold – ohne Minen, ohne Sprengungen, ohne Chemiecocktail.
Der besondere Reiz dieser Methode besteht darin, dass sie zwei Abfallströme zugleich verwertet: Elektroschrott und einen Reststoff der Lebensmittelindustrie. Das entspricht unmittelbar dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft.
Weniger Bagger, mehr Biochemie: Das Potenzial der Technik
Gold aus konventionellen Minen zu fördern, verlangt enorme Erdbewegungen sowie grosse Mengen Wasser, Energie und riskante Chemikalien. Landschaften werden tiefgreifend verändert, ganze Täler dauerhaft umgestaltet. Auch bei strengen Umweltauflagen bleibt der Eingriff erheblich.
Biobasierte Ansätze wie das Molkeprotein-System wirken zunächst unspektakulär, könnten die Bedingungen aber grundlegend verändern:
- Geringerer Flächenverbrauch: Die „Rohstoffe“ befinden sich bereits in Städten und Industriegebieten.
- Kurze Transportwege: Sammlung, Demontage und Verarbeitung können regional organisiert werden.
- Bessere Kontrolle: Laborähnliche Abläufe lassen sich einfacher überwachen als unkontrollierte Feuer auf Schrotthalden.
- Neue Arbeitsplätze: Das Sammeln und Sortieren kann zu einem eigenständigen Wirtschaftszweig werden.
Für Unternehmen ist dieser Ansatz interessant, weil Gold und andere Metalle kostspieliger werden und politische Risiken zunehmen. Wer die Abhängigkeit von internationalen Bergbaukonzernen und instabilen Lieferketten senken möchte, wird solche Verfahren genau beobachten.
Ohne Sammelstellen kein Gold: Verbraucherinnen und Verbraucher sind gefragt
Selbst das beste Laborverfahren funktioniert nicht ohne ausreichend Material. Der erste Schritt beginnt in den eigenen vier Wänden. In vielen Haushalten liegen regelrechte Technikfriedhöfe: alte Smartphones, Tastaturen, Router oder Spielkonsolen. Wegwerfen möchte man sie nicht, verwendet werden sie aber ebenfalls nicht mehr.
In Unternehmen sieht es bei ausgemusterten Servern, Telefonanlagen und Netzwerkkomponenten ähnlich aus. Häufig bleiben sie in irgendeinem Lager liegen, „falls man noch mal etwas braucht“ – was fast nie passiert.
Jedes ungenutzte Gerät im Schrank ist ein kleiner Rohstoffspeicher – und verliert mit jedem Jahr an Wert.
Damit aus diesen Beständen tatsächlich nutzbare Rohstoffe werden, braucht es:
- gut erkennbare Rücknahmestellen bei Händlern und Kommunen
- eindeutige Vorgaben, welche Geräte wohin gehören
- Transparenz darüber, was mit den eingesammelten Geräten geschieht
- finanzielle Anreize für Unternehmen, ihre Altbestände abzugeben
Erfahrungen machen deutlich: Menschen geben alte Geräte eher ab, wenn sie wissen, dass darin nicht nur Kunststoff steckt, sondern auch Gold, Kupfer und weitere knappe Metalle. Ebenso wichtig ist das Vertrauen, dass verantwortungsvolle Verwertungsprozesse tatsächlich vorhanden sind.
Was 22 Karat bedeutet und welchen Wert das Gold hat
Ein Feingehalt von 22 Karat bedeutet, dass ein Goldstück zu ungefähr 91,6 Prozent aus reinem Gold besteht. Der übrige Anteil entfällt auf andere Metalle, die für Stabilität sorgen. Bei Schmuck steht 22 Karat für eine sehr hohe Qualität.
Der konkrete Marktwert richtet sich nach dem jeweiligen Tageskurs. Eine grobe Rechnung ergibt:
| Menge Gold | Feingehalt | Richtwert (bei ca. 60 € pro Gramm Feingold) |
|---|---|---|
| 450 mg | 22 Karat (~0,41 g Feingold) | rund 25 Euro |
| 1 kg Platinen-Mix | angenommener Mittelwert | stark abhängig von Gerätetyp und Alter |
Entscheidend ist nicht das einzelne Experiment, sondern die Grössenordnung. Wenn Rechenzentren, Mobilfunkanbieter, Behörden und private Haushalte ihre Altgeräte gebündelt solchen Prozessen zuführen, entsteht rasch ein spürbarer Nutzen – sowohl finanziell als auch ökologisch.
Was jede und jeder konkret beitragen kann
Auch ohne eigenes Labor lässt sich dazu beitragen, dass mehr Gold aus Elektroschrott zurückgewonnen wird, statt ungenutzt in Schubladen zu liegen. Schon wenige einfache Massnahmen helfen:
- Alte Smartphones, Router und Laptops regelmässig prüfen und aussortieren
- Daten vor der Abgabe löschen oder professionell vernichten lassen
- Geräte zu offiziellen Sammelstellen oder Händler-Rücknahmen bringen
- Beim Neukauf nach Rücknahmeprogrammen und Refurbished-Angeboten fragen
Wer ein Gerät endgültig nicht mehr benötigt, schafft durch die Abgabe nicht nur Platz, sondern ermöglicht den enthaltenen Metallen eine zweite Nutzung. Das entlastet Minenlandschaften und kann langfristig auch den eigenen Geldbeutel schonen, weil Rohstoffe weniger knapp werden.
Blick nach vorn: Aus Abfall wird Rohstoffreserve
Die Vorstellung, Gold mithilfe von Molkeproteinen aus Platinen zu gewinnen, erscheint zugleich futuristisch und erstaunlich bodenständig. Sie verdeutlicht, wie sich Hochtechnologie und Alltagsabfälle verbinden lassen, wenn Forschung, Industrie und Politik gemeinsam handeln.
Elektroschrott als Rohstoffspeicher zu sehen, verändert auch den Umgang mit Technik. Ein ausgedientes Gerät ist dann nicht einfach nur „kaputt“, sondern ein Bündel aus Metallen, Kunststoffen und Erfahrung. Wer es sinnvoll in den Kreislauf zurückgibt, verhindert, dass sein verborgener Goldanteil auf einer Deponie verlorengeht – und sorgt vielleicht dafür, dass er als kleine glänzende Kugel in einem Laborofen wieder erscheint.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen