In Wijk bij Duurstede, etwa 25 Kilometer südöstlich von Utrecht, hat eine gewöhnliche Tiefbaumaßnahme überraschend einen archäologisch bedeutenden Fund ans Licht gebracht. Während die Kanalisation erneuert wurde, entdeckten Arbeiter eine große, sorgfältig bearbeitete Holzplanke. Mittlerweile gilt es als sehr wahrscheinlich, dass sie zu den tragenden Spanten eines größeren mittelalterlichen Schiffs gehört – möglicherweise aus der Wikingerzeit oder der Blütephase des Nordseehandels.
Von der Abwasserbaustelle zum Archäologie-Hotspot
Alles begann denkbar alltäglich: In der Straße „Promenade“ in Wijk bij Duurstede werden alte Abwasserleitungen ausgetauscht und eine Mulde angelegt, die bei Starkregen Wasser aufnehmen soll. Bagger, Bauzäune und Beschwerden von Anwohnern gehören dabei zum üblichen Bild. Die Routine endete, als ein Arbeiter ein großes dunkles Holzstück bemerkte, das quer aus der Wand der Baugrube ragte.
Danny van Basten, Hobbyarchäologe und Mitglied der örtlichen Gruppe ArcheoTeam, untersuchte den Fund näher. Seine Form, die sichtbaren Werkzeugspuren und die Materialstärke passten nicht zu einem zufällig verschütteten Balken jüngeren Datums. Er verständigte die Gemeinde, die daraufhin Fachleute des Museum Dorestad sowie einer Stiftung für historische Schiffe einbezog.
Aus einem „komischen Balken“ wird in wenigen Stunden ein möglicher Schlüssel zu 500 Jahren Handelsgeschichte an Rhein und Nordsee.
Nachdem das Fragment geborgen worden war, wurde seine Dimension deutlich: Es misst rund 3,20 Meter in der Länge und ist etwa 30 Zentimeter stark. Auffällig sind Einkerbungen und Rundungen. Der Schiffbauer Kees Sterreburg, der das Holz begutachtete, erkannte darin die charakteristische Gestalt eines Spants – also einer „Rippe“, die dem Schiffsrumpf seine Wölbung verleiht.
Warum gerade Dorestad so archäologisch brisant ist
Schon an einem beliebigen anderen Fundort wäre dieser Fund bemerkenswert. In Wijk bij Duurstede besitzt er jedoch besondere Brisanz. Unter der heutigen Stadt lag im frühen Mittelalter Dorestad, einer der bedeutendsten Handelsplätze Nordeuropas vom 7. bis zum 9. Jahrhundert.
Dorestad befand sich an einem Punkt, an dem sich Rhein-Arme teilten und der Weg zur Nordsee begann. Von dort aus wurden transportiert:
- Keramik und Glas in zahlreiche Regionen
- Textilien und Wolle aus dem Hinterland an die Küsten
- Metallwaren, Waffen und Luxusgüter nach Süden und Norden
- Münzen, Silber und Schmuck über Flüsse und das Meer
Wer Dorestad beherrschte, zog Nutzen aus Zöllen, Handelsrechten und politischem Einfluss. Schriftliche Quellen berichten, dass der Ort im 9. Jahrhundert mehrfach von skandinavischen Überfällen betroffen war. Ebenso wird eine zeitweilige Kontrolle durch nordische Gruppen für möglich gehalten.
Ein Schiffswrack – oder selbst nur ein großer Spant – gewinnt an diesem Ort daher weit über seine technische Bedeutung hinaus an Gewicht. Er könnte helfen, eine zentrale Frage zu beantworten: Wer nutzte diese Wasserwege zu welcher Zeit und zu welchem Zweck?
Wikinger oder Hanse-Vorgänger? Die ungeklärte Datierung
Die zugespitzte Meldung „Wikingerschiff gefunden!“ liegt nahe, doch die Fachleute vermeiden bislang eine so einfache Einordnung. Aktuell werden zwei wesentliche Szenarien diskutiert.
These 1: Ein Schiff aus karolingischer Zeit
Auf Grundlage der Fundlage und der begleitenden Keramik ordnen Archäologen das Stück zunächst grob in den Zeitraum zwischen etwa 700 und 900 ein. In dieser Epoche erreichte Dorestad seine Blüte und stand bereits in engem Kontakt zu Skandinaviern – sowohl durch Handel als auch durch Raubzüge.
Sollte diese Datierung zutreffen, gehörte der Spant in eine Zeit, in der:
- der fränkische Einfluss an Rhein und Maas deutlich zunimmt
- skandinavische Gruppen gezielt Flusshäfen ansteuern
- neue Schiffstypen Eigenschaften von Fluss- und Seeschiffen verbinden
Danach wäre zu klären, ob nordische Handwerker das Schiff errichteten oder ob lediglich ihre Bautechniken übernommen wurden.
These 2: Eine spätmittelalterliche Kogge
Die Stadtarchäologin Anne de Hoop warnt davor, den Fund vorschnell als Wikingerfund zu bezeichnen. Ebenso denkbar sei ein deutlich jüngeres Handelsschiff: eine mittelalterliche Kogge, die den Fernhandel auf Nord- und Ostsee im 13. und 14. Jahrhundert prägte.
Eine Einordnung in diese Zeit würde die Perspektive grundlegend verändern. Dann läge der Schwerpunkt nicht auf den frühen Wikingerkontakten, sondern auf dem Aufstieg großer städtischer Handelsnetzwerke und den Vorformen der Hanse.
| Zeitfenster | Möglicher Schiffstyp | Handelskontext |
|---|---|---|
| ca. 700–900 | Frühmittelalterliches Fluss- oder Küstenschiff, evtl. mit skandinavischen Einflüssen | Kontaktzone Franken – Skandinavier, lokale und überregionale Märkte |
| ca. 1200–1300 | Kogge oder ähnliches Frachtschiff | intensiver Fernhandel im Nordsee- und Ostseeraum, städtische Bündnisse |
Hightech am Holz: So funktioniert die Datierung
Um die Spekulationen zu überprüfen, folgt nun ein strenges Verfahren. Bereits auf der Baustelle wurde der Spant sorgfältig verpackt, kühl und feucht gelagert und anschließend schrittweise gereinigt. Das ist notwendig, weil jahrhundertealtes Wasserholz reißen kann, wenn es zu rasch austrocknet.
Im Labor wird anschließend Dendrochronologie eingesetzt, also die Untersuchung der Jahresringe. Jede Baumart bildet in Mitteleuropa typische Abfolgen breiter und schmaler Jahresringe aus. Diese Muster können mit Referenzkurven verglichen werden. Auf diese Weise lässt sich oft bis auf wenige Jahre bestimmen, wann ein Baum gefällt wurde.
Dendrochronologie verrät nicht nur das Fälldatum, sondern oft auch die Herkunft des Holzes – und damit Handelswege im Kleinen.
Wenn Ringmuster und Referenzdaten übereinstimmen, lässt sich häufig eingrenzen, ob das Holz aus einer örtlichen Aue, von einem Eifelhang oder sogar aus einem weit entfernten skandinavischen Wald stammt. Für ein mögliches Wikinger- oder Koggen-Schiff wäre dies ein entscheidender Hinweis.
Was ein einziger Spant über Handel und Alltag verrät
Selbst falls am Ende lediglich feststeht, dass der Spant zu einem anonymen Handelsschiff gehörte, bleibt der Fund ein Glücksfall. Vollständig erhaltene Schiffe sind in der Archäologie äußerst selten; meist überdauern nur einzelne verstreute Teile.
Schon ein größeres Fragment ermöglicht zahlreiche Untersuchungen:
- Wie stark ist das Holz – und welche Lasten konnte der Rumpf somit tragen?
- Wie ausgeprägt ist die Wölbung – war das Schiff eher für flache Flüsse oder die offene See gebaut?
- Welche Werkzeuge verursachten die Spuren – Axt, Breitbeil oder Säge?
- Wie wurden Spanten und Planken miteinander verbunden – mit Holznägeln, Eisennägeln oder durch Verzahnung?
Aus solchen Einzelheiten lassen sich praktische Rückschlüsse ziehen: Wie viele Fässer Bier, Salz oder Getreide fanden an Bord Platz? Wie schnell konnte ein Schiff flussaufwärts kreuzen? Hatte es eher einen flachen Kiel für Untiefen oder einen tieferen für stabile Fahrten auf hoher See?
Mehr als Raubzüge: Der Fund und das Bild der Wikinger
Der Fund belebt zudem eine immer wieder geführte Debatte über die Rolle der Wikinger im europäischen Frühmittelalter. Popkultur und Serien zeigen vor allem Überfälle, brennende Klöster und martialische Helme. Die Forschung zeichnet jedoch schon lange ein differenzierteres Bild.
Für skandinavische Gruppen waren Schiffe vor allem logistische Mittel. Wer seetüchtige Boote besaß, die zugleich nur wenig Tiefgang hatten, konnte:
- flussaufwärts bis nach Köln, Mainz oder Paris gelangen
- abgelegene Märkte erreichen, an denen andere scheiterten
- Warenströme zwischen Binnenland und Meer miteinander verbinden
- Krieger, Handwerker und Händler schnell verlegen
Sollte der Spant letztlich tatsächlich in einen skandinavisch geprägten Zusammenhang datiert werden, wäre er ein greifbarer Beleg für diese Doppelrolle: Schiffe dienten gleichermaßen dem Handel und dem Krieg.
Wie die Öffentlichkeit vom Fund auf der Baustelle profitiert
Das Museum Dorestad hat bereits angekündigt, das Holzstück nach Abschluss der Untersuchungen ausstellen zu wollen. Der Spant wird damit aus der schlammigen Baugrube in einen klimatisierten Ausstellungsraum überführt und zu einem unmittelbar erfahrbaren Zeugnis des Alltags vergangener Jahrhunderte.
Viele Menschen kennen das Mittelalter vor allem aus Schulbüchern oder Fernsehdokumentationen. Ein echtes Bauteil eines historischen Schiffs vor sich zu sehen, vermittelt jedoch etwas anderes: Schnittspuren, Risse und Werkzeugmarken werden sichtbar. Auch die Größe einer solchen Rippe und der enorme Aufwand für den Bau eines vollständigen Schiffs werden unmittelbar verständlich.
Derartige Objekte verleihen abstrakten Begriffen wie „Handelsknoten“ oder „Flottenmacht“ anschauliche Bedeutung. Ein Teenager, der vor dem Spant steht, erkennt direkt, dass jede Rheinreise ein logistisches Risiko darstellte – geprägt von Strömungen, Untiefen, Stürmen und politischen Spannungen an den Ufern.
Was der Fund von Wijk bij Duurstede für künftige Bauprojekte bedeutet
Der Fall in Wijk bij Duurstede macht zugleich deutlich, wie umsichtig moderne Infrastrukturvorhaben in historisch sensiblen Gebieten geplant werden müssen. Bagger, die ohne archäologische Begleitung frühere Hafenareale oder Altstadtbereiche durchpflügen, können wertvolle Spuren unwiederbringlich vernichten.
Deshalb gelten in vielen Städten der Niederlande und auch Deutschlands inzwischen klare Vorgaben: Bei größeren Bauarbeiten in historischen Zonen sind oft Archäologen vor Ort oder werden kurzfristig hinzugezogen, sobald ungewöhnliche Entdeckungen gemacht werden. Der aktuelle Fund spricht dafür, diese Standards trotz Kosten- und Zeitdruck eher auszubauen als zu beschneiden.
Für die Wissenschaft ist der Spant nur der Ausgangspunkt. In den kommenden Monaten könnte sich herausstellen, dass in unmittelbarer Umgebung weitere Teile des Rumpfs verborgen liegen. Bereits einzelne zusätzliche Fragmente – etwa ein Stück der Bordwand, ein Spantenschuh oder ein Rest der Kielzone – könnten den Schiffstyp präziser bestimmen und die Rekonstruktion erheblich voranbringen.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen