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Lebende Riffe schützen Küsten vor Sturmfluten und Erosion

Taucher im Neoprenanzug pflanzt künstlichen Korallenriff im flachen Meer nahe Küste.

Küsten geraten zunehmend unter Druck. Stürme fallen heftiger aus, der Meeresspiegel steigt, und Wellen tragen Land ab, auf das Menschen angewiesen sind.

Über Jahrzehnte hinweg lautete die gängige Antwort Betonmauern und aufwendige technische Bauwerke. Sie erfüllen ihren Zweck, können sich jedoch nicht anpassen – und sie wachsen nicht mit.

Nun erproben Forschende einen grundlegend anderen Ansatz. Statt das Meer mit starren Konstruktionen zurückzuhalten, entwickeln sie Systeme, die sich eher wie die Natur selbst verhalten.

Das Konzept ist ebenso einfach wie mutig: Riffe schaffen, die Wellen abschwächen, sich mit der Zeit erneuern und zugleich Lebensraum für Meerestiere bieten.

Ein Riff, das sich selbst aufbaut

Im Mittelpunkt dieses neuen Ansatzes steht ein hybrides Riffsystem. Zunächst wird es aus technischen Materialien errichtet, anschließend übernehmen lebende Organismen die weitere Entwicklung.

Mit der Zeit siedeln sich Austern und andere Meerestiere an. Dadurch verwandelt sich die Konstruktion in ein lebendes Riff, das fortlaufend widerstandsfähiger wird.

Die Forschungsarbeit stammt von einem internationalen Team, zu dem auch Wissenschaftler der Rutgers University gehören. Ihre Ergebnisse wurden nach einer Reihe detaillierter Untersuchungen an der Florida Panhandle veröffentlicht.

David Bushek ist Professor am Department of Marine and Coastal Studies der Rutgers School of Environmental and Biological Studies sowie Hauptautor der Studie.

„Unser Ziel war es, eine Art lebendes Riff zu schaffen, das natürliche und technische Materialien verbindet und sich im Laufe der Zeit selbst reparieren kann, um Küsten vor Überschwemmungen, Erosion und Sturmschäden zu schützen, durch die sowohl Gemeinden als auch kritische Infrastruktur gefährdet werden“, sagte Professor Bushek.

„Bisher sind die Ergebnisse ermutigend. Was wir gebaut haben, funktioniert.“

Ein funktionierendes lebendes Riffsystem

Das Riff wurde vor der Küste nahe der Tyndall Air Force Base in Florida installiert. Dieser Standort war bewusst gewählt: Der Stützpunkt wurde 2018 unmittelbar von Hurrikan Michael getroffen und erlitt schwere Schäden.

Daraufhin begannen Verteidigungsbehörden, nach besseren Methoden zum Schutz gefährdeter Küsten zu suchen.

Die Anlage entstand zwischen Oktober 2024 und März 2025 im Rahmen des Reefense-Programms der Defense Advanced Research Projects Agency.

Die Forschenden setzten modulare, poröse Betonelemente ein, die ankommende Wellen aufbrechen sollen. Lange blieben diese Elemente nicht unbewohnt: Meerestiere besiedelten sie rasch und bildeten eine natürliche Schicht auf der Konstruktion.

Aus dem künstlich geschaffenen Grundgerüst entwickelte sich allmählich ein funktionsfähiges Riffsystem, das sich mit benachbarten Marschflächen und Seegraswiesen verbindet. Die Forschenden bezeichnen diese kombinierte Anordnung als Living Shoreline Mosaic™.

Deutlich verringerte Wellenenergie

Die Ergebnisse sind bemerkenswert. Messungen vor Ort ergaben, dass das Riff die Wellenenergie um mehr als 90 Prozent verringerte. Eine derart starke Reduzierung kann bei Stürmen entscheidend sein, wenn Wellenenergie Überschwemmungen und Erosion antreibt.

Das Team stützte sich nicht nur auf einen einzelnen Versuch. Es kombinierte Felddaten, Computermodelle und fortlaufende Beobachtungen, um nachzuverfolgen, wie Wellen, Sedimente und das wachsende Riff im Zeitverlauf zusammenwirkten.

Das System hielt nicht nur stand, sondern wurde mit der Entwicklung des Riffs sogar leistungsfähiger.

In der Küsteningenieurtechnik ist die Verringerung der Wellenenergie der zentrale Weg, Küstenlinien zu schützen. Klassische Wellenbrecher erreichen dies, indem sie Wellen abblocken oder aufnehmen.

Dieses Riff funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip, bietet jedoch einen zusätzlichen Vorteil: Es wächst. Wenn Austern und andere Organismen darauf aufbauen, wird die Struktur wirksamer, ohne dass dauernde Reparaturen nötig sind.

Mit der Natur statt gegen sie arbeiten

Jahrelang stützte sich der Küstenschutz vor allem auf harte Barrieren. Ufermauern und Spundwände können Wellen aufhalten, bringen aber häufig Nachteile mit sich. Sie können Ökosysteme beeinträchtigen und die Erosion in angrenzenden Gebieten mitunter verstärken.

Dieses hybride Riff verfolgt einen anderen Weg. Es bekämpft natürliche Prozesse nicht, sondern nutzt sie. Die lebenden Bestandteile festigen die Konstruktion und fördern gleichzeitig marine Lebensräume. Dadurch entstehen zugleich besserer Schutz und gesündere Ökosysteme.

„Die Reefense Modules™ und die Living Shoreline Mosaic™-Strategie bringen den Bereich naturbasierter Lösungen für den Küstenschutz voran und können überall dort eingesetzt werden, wo Austern Riffe bilden“, sagte Bushek.

„Angesichts zunehmender Stürme und steigender Meere ist es entscheidend, Strategien zum Schutz unserer Küsten zu entwickeln.“

Küsten bei ihrer Selbstheilung unterstützen

Austernriffe säumten früher zahlreiche Küsten und wirkten dort als natürliche Puffer. Im Laufe der Zeit wurden große Teile dieser Riffe durch Verschmutzung, Überfischung und Bebauung zerstört.

Die Wiederherstellung solcher Systeme ist zu einem wichtigen Schwerpunkt für Wissenschaftler und Küstenplaner geworden.

Die neue Arbeit zeigt, dass sich dieser Prozess durch die Verbindung von Ingenieurtechnik und Biologie beschleunigen lässt. Anstatt Jahrzehnte darauf zu warten, dass sich Riffe eigenständig bilden, verschaffen diese hybriden Systeme ihnen einen Vorsprung.

Sollten die Ergebnisse weiterhin Bestand haben, könnte dieser Ansatz verändern, wie sich Gemeinden auf steigende Meeresspiegel vorbereiten. Er bietet die Möglichkeit, Küsten zu schützen und zugleich Teile der natürlichen Umwelt wiederherzustellen, die diese Aufgabe früher selbst erfüllte.

Der Ozean wird nicht ruhiger. Lösungen wie diese deuten jedoch darauf hin, dass die Zusammenarbeit mit der Natur der klügste Weg nach vorn sein könnte.

Die vollständige Studie erschien in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences.

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