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Jeddah Tower: Ein Kilometer aus Beton und Glas

Ein Mann mit Bauhelm und Bauplänen fotografiert eine Rauchwolke am Wolkenkratzer in einer Wüstenstadt.

Als ich diesen Irrsinn aus Glas und Stahl zum ersten Mal sah, wie er sich in den Himmel bohrte, während sich unten Touristen mit Selfie-Sticks durch die Menge schoben, schien mir eine Steigerung unmöglich. Mehr Höhe brauchte doch kein Mensch.

Einige Jahre später wischt man beiläufig über das Smartphone und stößt auf diese Meldung: Saudi-Arabien plant einen Wolkenkratzer von ungefähr einem Kilometer Höhe. Der Jeddah Tower wird wieder hervorgeholt, während weltweit über Energiepreise, Klimakrise und Wohnungsmangel gestritten wird. Gegensätzlicher könnten die Bilder kaum sein.

Dennoch haften unsere Blicke an diesen Visualisierungen, als verrieten sie uns im Verborgenen etwas über die Zukunft.

Der Jeddah Tower: Ein Kilometer in den Himmel und Streit über Fortschritt

Wer heute von den Skylines der Zukunft spricht, kommt an Saudi-Arabien kaum vorbei. Riad und Jeddah haben sich binnen weniger Jahre von einer vagen Wüstenfantasie zu globalen Chiffren für Vision oder Größenwahn entwickelt – je nachdem, aus welcher Perspektive man schaut. Nun soll ein Turm entstehen, der Burj Khalifa und Shanghai Tower buchstäblich überragen könnte. Ein Kilometer, möglicherweise mit ein paar zusätzlichen Metern, damit der Rekord unmissverständlich ausfällt.

In den Renderings erinnert der Jeddah Tower an einen Speer, der aus dem Wüstensand emporschießt. Er wirkt elegant, kühl und beinahe nicht von dieser Welt. Digitale Menschen in weißen Thobes und Designer-Sneakern flanieren dort durch gekühlte Einkaufszentren. Unwillkürlich stellt sich die Frage: Wer möchte dort tatsächlich leben? Und mehr noch: Was verrät ein solches Bauwerk über uns als Gesellschaft?

Dieses Muster kennen wir: Irgendwo wird ein neuer Rekord aufgestellt – der höchste Turm, das schnellste Auto, die größte Arena. Wir halten kurz inne, klicken auf die Meldung und staunen für einen Moment. Danach folgen die Hintergründe. Der Jeddah Tower, dessen Bau ursprünglich 2013 begann, lag aufgrund von Finanzierung, Politik und Pandemie jahrelang brach. Jetzt soll das Vorhaben mit einem Milliardenbudget erneut beschleunigt werden und ist Teil der Vision 2030, des umfassenden Modernisierungsprogramms des Königreichs. Die Botschaft ist eindeutig: Saudi-Arabien möchte sich in die Weltkarte der Superlative einschreiben.

Die Kennzahlen sind gewaltig: mehr als 160 Etagen, eine Aussichtsplattform in einer Höhe, in der Flugzeuge beinahe auf Augenhöhe vorbeiziehen, dazu Luxuswohnungen, Hotels und Büros. Das Versprechen lautet vertikale Stadt. Während in Europa über Nachverdichtung und Radwege diskutiert wird, lassen Bautrupps in Jeddah Beton nach oben wachsen, um ein Zeichen zu errichten, das weit über Architektur hinausgeht. Es ist ein Statement – und gerade deshalb polarisiert es so heftig.

Nüchtern betrachtet handelt es sich nicht bloß um einen Wolkenkratzer, sondern um ein PR-Instrument. Wer in dieser Höhe baut, will nicht allein Nutzflächen schaffen, sondern ein bestimmtes Bild in den Köpfen verankern. Mit dem Kilometer-Turm vermarktet Saudi-Arabien die Idee eines „neuen Nahen Ostens“: jung, technikaffin und offen für Touristen. Kritiker betrachten ihn hingegen als riesiges Feigenblatt für Menschenrechtsfragen, klimaschädliche Bauweisen und ein anfälliges Wirtschaftsmodell. Beide Sichtweisen bestehen gleichzeitig – genau deshalb eskaliert die Diskussion so schnell.

Bei sachlicher Betrachtung wirkt dieser Wettstreit nach oben merkwürdig überholt. Während Städte überall auf der Welt versuchen, dichter, grüner und sozialer zu werden, setzt Saudi-Arabien die Messlatte schlicht noch höher an – im wörtlichen Sinn. Zugleich steckt ein klarer Plan dahinter: Touristen gewinnen, internationale Unternehmen anziehen und das Image eines reinen Ölstaats abstreifen. Der Kilometer in die Höhe ist der Versuch, sich von der eigenen Vergangenheit zu lösen.

Saudi-Arabiens Vision 2030 hinter dem Jeddah Tower

Wer sich dem Thema nähert, ohne sofort in Begeisterung oder Empörung zu verfallen, kann mit einer einfachen Regel beginnen: Architektur sollte nie isoliert bewertet werden. Der Jeddah Tower gehört zu einer ganzen Welle von Vorhaben, darunter NEOM, „The Line“ und riesige Resorts am Roten Meer. Wie ein Leuchtturm ragt der Turm aus einem Meer von Projekten heraus, die alle dieselbe Botschaft vermitteln sollen: Hier entsteht etwas Neues. Deshalb lohnt es sich, stets mitzudenken: Wer finanziert das? Wer profitiert? Und wer trägt die ökologischen und sozialen Kosten?

Ein zweiter sinnvoller Schritt ist der Vergleich. Nicht nur mit Burj Khalifa oder Shanghai Tower, sondern mit dem Alltag in den meisten Städten. Wie viele Menschen kennen wir, die sich überhaupt noch eine Wohnung in einem gewöhnlichen Hochhaus leisten können? Wie fällt die CO₂-Bilanz solcher gigantischen Bauten aus? Und wie viele stehen am Ende nur teilweise belegt da – als Kulisse für Social-Media-Videos und Hochglanzbroschüren für Investoren?

Ein dritter Blick richtet sich auf uns selbst: Wir können unseren eigenen Blick entlarven. Weshalb üben solche Rekorde eine so starke Anziehung auf uns aus, obwohl sie im Alltag kein einziges Problem lösen? Vielleicht, weil extreme Höhe ein uraltes Bedürfnis nach Überhöhung berührt. Gleichzeitig ermüden uns die immer gleichen Debatten über Mieten, Verkehr und Klima. Der Kilometer-Turm erscheint wie ein Ausbruch aus dieser Trostlosigkeit. Das macht ihn so gefährlich verlockend und erklärt, weshalb die Kommentare unter solchen Artikeln regelmäßig explodieren.

Viele Leser reagieren auf derartige Projekte spontan und aus dem Bauch heraus – mit Faszination oder Abwehr. Beides ist nachvollziehbar, doch beide Reaktionen führen zu typischen Denkfehlern. Einer davon besteht darin, sich vollständig von PR-Bildern einfangen zu lassen. Makellose Fassaden, spektakuläre Drohnenaufnahmen und goldene Sonnenuntergänge über der Wüste sind Storytelling, kein Bericht über die Realität. Wer nur dem staunenden Kind in sich folgt, übersieht leicht, welche immensen Ressourcen ein solcher Koloss verschlingt: Beton, Stahl, Glas und Energie für Bau und Kühlung – in einer Region, die ohnehin am Rand der Klimabelastbarkeit liegt.

Der gegenteilige Fehler wäre, alles reflexhaft als „Wahnsinn“ oder „Dekadenz“ abzuwerten. Dann gerät aus dem Blick, wie deutlich solche Vorhaben globale Machtverschiebungen abbilden. Während Europa zögert und abwägt, setzen die Golfstaaten auf Tempo und Spektakel. Wer darüber nur spottet, versteht nicht, weshalb sich Konzerne, Sportverbände und Popstars zunehmend dorthin orientieren. Ein sachlicher Blick bedeutet: Faszination zulassen und zugleich nach den Strukturen dahinter fragen – nach Geldströmen, politischen Zielen und Abhängigkeiten.

„Diese Gebäude sind wie Eisberge“, sagt ein Architekt, mit dem ich über den geplanten Kilometer-Turm gesprochen habe. „Oben sieht man Glas und Glamour, unten drunter stecken tausend unsichtbare Entscheidungen.“

Megaprojekte kritisch betrachten: Fragen für den eigenen Blick

Damit wir uns nicht vollständig in glitzernden Renderings verlieren, hilft eine kleine gedankliche Checkliste, wenn wir das nächste Mal über Burj Khalifa, Shanghai Tower oder den Jeddah Tower scrollen:

  • Wer erzählt mir diese Geschichte? Eine PR-Agentur, der Staat, eine kritische NGO oder unabhängige Fachleute?
  • Wie nachhaltig ist das Projekt tatsächlich – und was bedeutet „nachhaltig“ in einem Land, dessen Wirtschaft stark vom Öl abhängt?
  • Wer wird hier eingeladen – und wer bleibt draußen? Touristen, Expats, Einheimische mit niedrigem Einkommen?
  • Welche örtlichen Probleme ließen sich mit denselben Milliarden lösen?
  • Warum löst dieser Bau in mir etwas aus – Faszination, Wut oder Neid?

Möglicherweise ist die interessanteste Eigenschaft dieses geplanten Kilometer-Turms nicht seine Höhe, sondern seine Wirkung auf uns. Er konfrontiert uns mit einer ehrlichen Frage: Welche Zukunft möchten wir eigentlich sehen, wenn wir aus dem Flugzeugfenster blicken? Gewaltige Glasspeere in der Wüste, die verkünden, dass mit genügend Geld alles möglich ist? Oder Städte, die kleiner, ruhiger und menschlicher werden – ohne Rekordzahlen, dafür mit mehr Lebensqualität im Alltag?

Die Diskussion über den Jeddah Tower teilt derzeit Kommentarspalten, Konferenzräume und Architekturforen. Vielleicht ist das nicht einmal schlecht. Denn solche Extreme machen sichtbar, wie gespalten unser Verständnis von Fortschritt ist. Ein Teil von uns will höher, schneller und spektakulärer bauen. Ein anderer sehnt sich nach etwas, das weniger glänzt, aber mehr trägt. Dazwischen hängt dieser eine Kilometer aus Beton und Glas – als riesiger Spiegel unserer Widersprüche.

Kernpunkt Detail Mehrwert für Leser
Jeddah Tower als Symbolbau Geplanter Kilometer-Turm als Teil von Saudi-Arabiens Vision 2030 Leser erkennen, weshalb es um weit mehr als bloße Rekorde geht
Polarisierende Wirkung Faszination trifft auf Kritik an Umweltbilanz, Menschenrechten und PR-Strategie Hilft dabei, eigene widersprüchliche Gefühle einzuordnen
Persönlicher Blickwinkel Konkrete Fragen und Denkansätze beim Konsum solcher Megaprojekte Leser können kommende Schlagzeilen reflektierter beurteilen

Häufige Fragen

  • Frage 1: Wird der Jeddah Tower tatsächlich höher als der Burj Khalifa? Ja, vorgesehen ist eine Höhe von rund einem Kilometer und damit deutlich mehr als die 828 Meter des Burj Khalifa. Die genaue Endhöhe bleibt häufig bewusst unpräzise, damit beim Rekord noch Spielraum besteht.
  • Frage 2: Hat der Bau wirklich wieder begonnen? Offiziell wird aus Saudi-Arabien mitgeteilt, dass das Projekt reaktiviert werden soll und neue Ausschreibungen laufen. Vor Ort herrschte lange Stillstand, doch die Zeichen sprechen dafür, dass der Turm wieder Vorrang erhält.
  • Frage 3: Wie umweltfreundlich kann ein solcher Megaturm sein? Konzepte für effizientere Kühlung, energiesparende Technik und moderne Fassaden existieren. Trotzdem bleibt die grundlegende Frage bestehen: Ein Kilometer Beton und Stahl in heißem Klima bringt von Beginn an eine schwere ökologische Last mit.
  • Frage 4: Wer soll im Jeddah Tower wohnen oder arbeiten? Vorgesehen sind Luxuswohnungen, Hotels, Büros und Aussichtsbereiche. Angesprochen werden wohlhabende Einheimische, internationale Investoren, Unternehmen und Touristen – also eher das globale obere Drittel als die Durchschnittsbevölkerung.
  • Frage 5: Weshalb spaltet dieses Projekt die Meinungen so stark? Weil der Turm mehrere Reizthemen vereint: Größenwahn gegen Fortschritt, Klimakrise gegen Spektakel und Menschenrechte gegen Imagepolitur. Er spricht unsere Gefühle an – irgendwo zwischen Staunen und Stirnrunzeln.

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