Ein kleiner Ort in Zentralfrankreich sorgt derzeit für Aufsehen: Die Gemeinde bietet ihren alten Wasserturm praktisch gratis an – erwartet dafür jedoch eine überzeugende und mutige Idee.
In La Chapelle-Baloue im Département Creuse steht ein grauer Betonbau aus der Nachkriegszeit zum symbolischen Preis bereit. Wer dem stillgelegten Wasserturm eine neue Funktion geben möchte, kann ihn für nur einen Euro übernehmen. Notarkosten fallen nicht an, dafür warten konkrete Verpflichtungen und einige erhebliche Hürden.
Ein Wasserturm für den Preis eines Baguettes
Was wie ein Scherz aus dem Internet klingt, ist tatsächlich ernst gemeint: Die Gemeinde veräußert ihren etwa 15 Meter hohen, ehemaligen Wasserturm für symbolische 1 Euro. Errichtet wurde das Bauwerk nach dem Zweiten Weltkrieg; heute ist es außer Betrieb und für die Trinkwasserversorgung nicht mehr erforderlich.
Zum Verkauf gehören neben dem Turm auch das rund 79 Quadratmeter große Grundstück. Übergeben wird alles „wie gesehen“: ohne Sanierung, technische Modernisierung oder irgendwelche Garantien.
Wer den Turm kauft, übernimmt ein Stück Dorfgeschichte – und ein handfestes Bauprojekt.
Der Zeitplan steht fest: Interessierte können ihre Vorhaben bis zum 31. März einreichen und sich für den Erwerb bewerben. Wer den Turm lediglich als Spekulationsobjekt besitzen möchte, ohne eine Nutzung zu planen, dürfte kaum zum Zug kommen.
Warum La Chapelle-Baloue den Wasserturm fast verschenkt
Die Initiative ist kein ausgefallener PR-Gag, sondern folgt einer nüchternen wirtschaftlichen Überlegung. Die Kommune modernisiert ihr Trinkwassernetz, weshalb der alte Turm nicht mehr gebraucht wird. Bliebe er erhalten, würde er auf Dauer lediglich weitere Kosten verursachen.
Eine technische Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass der Abbruch des Betonkolosses ungefähr 100.000 Euro kosten würde. Für eine kleine ländliche Gemeinde wäre das eine gewaltige Belastung, die ihren Haushalt über Jahre hinweg beeinträchtigen könnte.
Statt 100.000 Euro für den Abriss auszugeben, setzt die Gemeinde auf einen symbolischen Verkauf und hofft auf kreative Köpfe.
Nach Aussage der Verantwortlichen steht nicht der Erlös im Mittelpunkt. Vielmehr soll ein Teil des kommunalen Erbes bewahrt und jemandem die Gelegenheit für ein ungewöhnliches Vorhaben eröffnet werden. Der Turm soll weder verfallen noch auf Kosten der Allgemeinheit beseitigt werden, sondern eine neue Aufgabe erhalten.
Wer den Zuschlag für den Wasserturm erhalten soll
Die Vergabe ist allerdings nicht völlig offen: Direkte Anwohner des Grundstücks haben Vorrang. Sie könnten den Turm nutzen, um ihr eigenes Grundstück zu erweitern – etwa als außergewöhnlichen Gartenpavillon, Atelier oder Gästehaus. Dabei spielt die zentrale Lage innerhalb des Ortes eine wichtige Rolle.
Externe Bewerber sind dennoch nicht ausgeschlossen. Die Gemeinde prüft jedes ernsthafte Konzept, sofern es schlüssig ist. Entscheidend ist, dass die geplante Nutzung zum Ort passt, rechtlich umsetzbar bleibt und keine Gefahren für die Sicherheit entstehen.
- Direkte Anwohner der Umgebung werden bevorzugt berücksichtigt.
- Ein Nutzungskonzept ist Pflicht: Eine bloße Lagerfläche ohne überzeugende Idee dürfte kaum akzeptiert werden.
- Der Gemeinderat prüft die eingereichten Projekte und trifft die Entscheidung.
- Die Gemeinde übernimmt die Notarkosten – ein tatsächlich attraktives Angebot.
Teurer Traum? Diese Kosten stecken hinter dem 1-Euro-Angebot
Dass die Nachfrage bisher überschaubar ist, verwundert kaum. Der Kaufpreis bildet nur einen sehr kleinen Teil der tatsächlichen Kosten ab. Wer einen alten Wasserturm in ein sicheres und nutzbares Gebäude verwandeln will, benötigt Geld, Geduld und eine hohe Bereitschaft für ein anspruchsvolles Bauprojekt.
Mit mehreren Kostenpunkten ist zu rechnen:
- Statik und Sicherheit: Untersuchung des Betons, mögliche Verstärkungen, Geländer, Treppen und Fluchtwege.
- Erschließung: Anschlüsse für Strom, Wasser, Abwasser und Internet – abhängig von der vorgesehenen Nutzung.
- Innenausbau: Fußböden, Dämmung, Fenster, Türen, Heizung sowie möglicherweise ein Aufzug oder eine sichere Treppenanlage.
- Genehmigungen: Baugenehmigung, mögliche Vorgaben des Denkmalschutzes und ein Brandschutzkonzept.
In Frankreich gibt es etwa 16.000 Wassertürme. Doch nur ein geringer Anteil von weniger als hundert Bauwerken lässt sich überhaupt sinnvoll zu Wohnzwecken nutzen. Viele dieser Türme sind reine technische Anlagen: ohne Fenster, mit wenig Grundfläche und ohne unkomplizierten Zugang. Entsprechend aufwendig und kostspielig fallen Umbauten aus.
Welche Nutzungsmöglichkeiten ein solcher Turm bietet
Trotz aller Schwierigkeiten regt ein solches Bauwerk die Fantasie an. In anderen Teilen Europas wurden vergleichbare Türme bereits erfolgreich umgestaltet, beispielsweise zu:
- Designer-Lofts mit Panoramablick
- Ferienunterkünften und außergewöhnlichen Frühstückspensionen
- Künstlerateliers oder Proberäumen
- Aussichtspunkten mit einem kleinen Café
- Büros für junge Unternehmen oder Agenturen, die bewusst ungewöhnlich auftreten möchten
Gerade in Zeiten von Instagram und Airbnb können solche Umbauten wirtschaftlich interessant werden. Ein unverwechselbarer Ort mit Geschichte lässt sich deutlich höher vermieten als eine gewöhnliche Wohnung ohne besonderen Charakter.
Chance für Visionäre – und Warnung für Fantasten
Wer sich für den Turm entscheidet, sollte realistisch kalkulieren, ob das eigene Budget ausreicht. Der Kaufpreis kann wie ein Hauptgewinn wirken, doch die Sanierung kann rasch einen sechsstelligen Betrag erreichen. Besonders kostspielig werden Anforderungen an Brandschutz und Barrierefreiheit, falls eine öffentliche Nutzung vorgesehen ist.
Gleichzeitig eröffnet das Angebot eine seltene Chance, eigene Ideen umzusetzen. Käufer erwerben kein gewöhnliches Reihenhaus, sondern ein markantes Bauwerk, das schon aus der Entfernung sichtbar ist und vielerorts das Ortsbild prägt.
| Aspekt | Vorteil | Risiko |
|---|---|---|
| Kaufpreis | Nur 1 Euro, ohne Notarkosten | Kalkulation der Folgekosten leicht unterschätzt |
| Architektur | Einzigartiges, auffälliges Bauwerk | Umbau technisch anspruchsvoll |
| Lage | Ruhiges Dorf, ländliche Umgebung | Begrenztes Einzugsgebiet für gewerbliche Nutzung |
| Image | Hoher Medien- und Social-Media-Faktor | Öffentliche Aufmerksamkeit bei Problemen |
Warum derartige Aktionen künftig häufiger vorkommen könnten
Der Fall aus der Creuse verweist auf ein grundsätzlicheres Problem: Zahlreiche Gemeinden besitzen überholte Infrastruktur, etwa Wasserwerke, Bahnhofsgebäude, Silos oder Kasernen. Ein Abriss ist teuer; leer stehende Bauten stellen Sicherheitsrisiken dar und wirken optisch selten ansprechend.
Symbolische Verkäufe für 1 Euro oder ähnlich niedrige Summen setzen Kommunen zunehmend ein, um Verantwortung und Gestaltungsspielraum auf Bürger, Unternehmen oder Vereine zu übertragen. Wer ein solches Objekt übernimmt, haftet, investiert und soll im Idealfall etwas Interessantes daraus entwickeln.
So entstehen immer wieder Projekte, die weit über ihre Region hinaus Beachtung finden: Kulturzentren in früheren Fabriken, gemeinschaftliche Arbeitsräume in Bahnhofsgebäuden, Ferienwohnungen in Leuchttürmen oder sogar Kletterhallen in ehemaligen Gasspeichern.
Was Interessenten beim Wasserturm beachten sollten
Wer sich ernsthaft für den Turm in La Chapelle-Baloue oder ein vergleichbares Angebot interessiert, braucht mehr als Begeisterung. Drei Schritte liefern eine erste Orientierung:
- Technische Prüfung: Vor einer verbindlichen Entscheidung sollten Statiker und Architekt einbezogen werden.
- Gespräch mit der Gemeinde: Welche Nutzungen sind realistisch? Welche Vorgaben gelten, und was erlaubt der Bebauungsplan?
- Finanzierungsplan: Eine klare Kostenobergrenze festlegen, Reserven einplanen und Fördermöglichkeiten für Kultur, Denkmalschutz oder ländliche Entwicklung prüfen.
Bezeichnungen wie „Wasserturm“ oder „kommunales Erbe“ mögen zunächst nüchtern klingen, doch in diesem Fall steckt viel Potenzial darin: Mit einer klugen Planung kann aus einer technischen Ruine ein emotionales Vorhaben werden, das Besucher anzieht, Arbeitsplätze schafft oder schlicht einen persönlichen Traum verwirklicht.
Zugleich zeigt die Aktion realistisch, womit viele ländliche Regionen derzeit kämpfen: alternde Infrastruktur, knappe Haushalte und der Bedarf an neuen Ideen. Ob der Turm in La Chapelle-Baloue letztlich zu einem stilvollen Loft, einem ruhigen Rückzugsort oder vielleicht doch nur zur vergrößerten Garage eines Nachbarn wird, entscheidet sich in den kommenden Wochen – der symbolische Euro dürfte dabei fast die unwichtigste Zahl sein.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen