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Dubai Airshow 2025: Abu Dhabi, MBDA und der Aufbau einer heimischen Raketenindustrie

Ingenieur in Labor untersucht Drohnenmodell neben Roboterarm und technischen Geräten auf Tisch

Hinter den Ständen der Dubai Airshow 2025 hat Abu Dhabi mit europäischen Partnern eine Reihe von Schritten vereinbart, die weit über ein einmaliges Rüstungsgeschäft hinausgehen. Sie wirken vielmehr wie das Fundament für eine dauerhaft angelegte heimische Raketenindustrie.

Der leise Wandel vom Käufer zum Raketenproduzenten

Im Mittelpunkt der Vereinbarung stehen der Tawazun Council der VAE und der europäische Raketenkonzern MBDA. Das eindeutige Ziel: entscheidendes Raketen-Know-how und die Fertigung in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu verankern.

Statt eines einfachen Beschaffungsauftrags umfasst das Paket drei Säulen: eine neue MBDA-Tochtergesellschaft in Abu Dhabi, die Industrialisierung der französisch entwickelten herumlungernden Munition Diamond Shaped sowie ein lokales Werk für Thermobatterien, eine Schlüsselkomponente moderner Waffensysteme.

„Zum ersten Mal stellt Abu Dhabi nicht nur Schecks für importierte Raketen aus, sondern beherbergt auch die Entwicklung, die Fabriken und den Energiekern, die diese Raketen überhaupt ermöglichen.“

MBDA UAE: weit mehr als ein lokaler Showroom

Den ersten Schritt bildet die Gründung von MBDA UAE, einer hundertprozentigen Tochtergesellschaft, in die das 2023 in Abu Dhabi eröffnete Missile Engineering Center integriert wird.

Diese Einheit soll keine symbolische Verbindungsstelle sein, sondern sich zu einem echten Zentrum für Entwicklung, Fertigung und Betreuung von Raketensystemen im Einsatz für die emiratischen Streitkräfte entwickeln – mit klarer Exportausrichtung.

Dabei wird sie auf das Tawazun Economic Programme zurückgreifen, das industrielle Offset-Programm der VAE. Es verpflichtet ausländische Rüstungsanbieter dazu, zu investieren und lokale Fähigkeiten aufzubauen, statt lediglich Schulungszentren mit geringer langfristiger Wirkung anzubieten.

  • Lokale Ingenieurteams für die Entwicklung und Anpassung von Raketen
  • Eigene Studien- und Entwicklungsbüros in Abu Dhabi
  • Produktions- und Wartungskapazitäten mit Ausrichtung auf regionale Kunden

Für MBDA ist die Verlagerung eines Teils seiner kritischen Arbeit in die Golfregion zugleich eine kommerzielle und strategische Wette: Entweder hilft das Unternehmen dabei, die entstehende Verteidigungsindustrie der Region mitzugestalten, oder es riskiert, von Wettbewerbern verdrängt zu werden, die zu weiterreichendem Technologietransfer bereit sind.

Diamond Shaped: französisch entwickelte herumlungernde Munition für die emiratische Doktrin

Der zweite und womöglich auffälligste Bestandteil ist Diamond Shaped, eine von MBDA gemeinsam mit dem Start-up FLY-R entwickelte französische „munition téléopérée“ – also in etwa eine bedienergesteuerte herumlungernde Munition.

Auf Basis der R2-120-Raijin-Drohne von FLY-R wurde Diamond Shaped nicht als klassische Aufklärungsdrohne konzipiert, sondern als kompaktes, gelenktes Angriffsmittel.

Kompakte Waffe mit flexiblen Startmöglichkeiten

Das System verfügt über einen faltbaren rautenförmigen Flügel und kann dadurch aus einem Startrohr abgefeuert werden. Mit einem Gewicht von 5 bis 6 kg trägt es einen Gefechtskopf von rund 1,5 kg und kann Ziele in Entfernungen von mehreren zehn Kilometern erreichen.

Der elektrische Antrieb hält die Munition vergleichsweise leise. Gleichzeitig liefert ein elektrooptischer Turm dem Bediener Bilddaten bei Tag und Nacht; gesteuert wird das System über eine Zwei-Wege-Datenverbindung.

„Diamond Shaped kann von einem Fahrzeug, einem Dach oder einem urbanen Stützpunkt aus gestartet werden und verwandelt improvisierte Positionen in temporäre Angriffsplattformen.“

Diese Flexibilität ist in modernen Gefechtsräumen entscheidend – von dicht bebauten Städten bis zu unwegsamen Grenzgebieten. Dort verfügen Einheiten möglicherweise weder über schwere Artillerie noch über Luftunterstützung, benötigen aber dennoch schnell präzise und kontrollierbare Feuerkraft.

Für Schwärme und künftige Autonomie ausgelegt

Derzeit wird Diamond Shaped ferngesteuert: Ein menschlicher Bediener wählt das Ziel aus und führt die Angriffsabfolge. Die Entwicklungsplanung sieht jedoch eine schrittweise Einbindung künstlicher Intelligenz vor.

Künftige Versionen könnten über unterstützte Zielerkennung, fortschrittliche Navigation in GPS-beeinträchtigten Gebieten oder koordinierte Angriffe durch Schwärme aus mehreren Munitionen verfügen.

Praktisch könnte dies bedeuten, dass ein Zug emiratischer Soldaten ein Dutzend Diamond-Shaped-Munitionen von verstreuten Positionen aus startet, einige zur Aufklärung einsetzt und andere für gleichzeitige Angriffe auf Radare, Fahrzeuge oder Gefechtsstände bestimmt.

Thermobatterien: das „Energieherz“ von Raketen absichern

Die dritte Säule der Vereinbarung ist weniger fotogen, aber ebenso strategisch: die lokale Fertigung von Thermobatterien durch das neue Unternehmen Emirati Thermal Batteries (ETB), das von der französischen Firma ASB (Aerospatiale Batteries) gegründet wurde.

Ingenieure bezeichnen Thermobatterien oft als das „Energieherz“ von Raketen und gelenkten Munitionen. Sie bleiben jahrelang inaktiv und liefern erst beim Abschuss der Waffe einen starken, zuverlässigen Energieschub.

Merkmal Bedeutung für Raketen
Sehr lange Lagerfähigkeit Ermöglicht, Raketen über Jahre einsatzbereit zu halten, ohne wartungsintensive Batterien zu benötigen
Sofortige Aktivierung Liefert Energie erst beim Einsatz der Waffe und verbessert damit Sicherheit und Zuverlässigkeit
Hohe Energiedichte Stellt in einem kompakten Paket genügend Energie für Lenkung, Steuerung und Zündung bereit

Mit der Ansiedlung von ETB im Tawazun Industrial Park verringern die VAE ihre Abhängigkeit von importierten Batterien, die strengen europäischen Exportvorschriften unterliegen. Das ist in einem geopolitischen Umfeld wichtig, in dem der Zugang zu Schlüsselkomponenten aus politischen Gründen verzögert oder verweigert werden kann.

„Thermobatterien im eigenen Land zu bauen, ist ein stiller, aber entscheidender Schritt hin zu einer souveränen Raketenwertschöpfungskette – von der Energiequelle bis zu den Lenkalgorithmen.“

Warum die Golfregion ihre Angriffsketten absichert

Dieses dreiteilige Projektpaket fällt in eine besonders sensible Phase für die Sicherheitsplaner der Golfstaaten.

Angriffe der Huthi-Kräfte auf die Schifffahrt im Roten Meer, wechselseitige iranische und israelische Angriffe in der Region sowie der Krieg in der Ukraine haben kleinere Staaten dazu veranlasst, ihre Abhängigkeit von externen Lieferanten fortschrittlicher Waffen neu zu bewerten.

Die Lehre ist vergleichsweise eindeutig: Wenn Konflikte eskalieren, beginnen selbst enge Partner damit, Lieferungen zu rationieren, die eigenen Streitkräfte zu priorisieren oder Ausfuhren an politische Zugeständnisse zu knüpfen.

Für die VAE ist der Aufbau lokaler Kapazitäten für Raketen, gelenkte Munition und deren zentrale Komponenten ein Weg, Handlungsoptionen zu bewahren, falls Lieferketten enger werden oder Exportlizenzen sich verzögern.

Offset-Geschäfte werden zu echter Industrie

Traditionell führten Offset-Vereinbarungen in der Golfregion häufig zu aufwendig präsentierten Schulungszentren, lokaler Markenbildung und nur begrenztem tatsächlichem Know-how-Transfer.

Der im MBDA-Tawazun-Paket erkennbare Wandel weist in eine andere Richtung: weniger symbolische Projekte, dafür mehr Ingenieurarbeitsplätze, reale Produktionslinien und exportorientierte Fähigkeiten.

Diese Entwicklung wirft eigene Fragen auf. Wie wird geistiges Eigentum geteilt, wenn emiratische Werke Komponenten oder vollständige Systeme herstellen, die zuvor komplett aus Europa kamen? Wer kontrolliert Re-Exporte in Drittländer? Und wo endet ein „Kunde“ und wo beginnt ein „Partner“ in der westlichen Sicherheitsarchitektur?

„Je mehr Abu Dhabi selbst produziert und entwickelt, desto schwieriger wird es für europäische Hauptstädte, die VAE wie einen einfachen Käufer in der Warteschlange zu behandeln.“

Was „herumlungernde Munition“ auf dem Gefechtsfeld tatsächlich bedeutet

Diamond Shaped gehört zu einer Waffenkategorie, die häufig als herumlungernde Munition bezeichnet wird: Systeme, die Eigenschaften von Drohnen und Raketen verbinden.

Statt auf eine feste Koordinate zu feuern, kann eine Einheit die Munition starten und in der Luft kreisen lassen, bis ein lohnendes Ziel auftaucht. Sobald dieses identifiziert ist, lenkt der Bediener sie in den Angriff.

Am Boden verändert dies das Vorgehen. Ein kleines Team mit mehreren herumlungernden Munitionen kann:

  • Eine gegnerische Kolonne unter Druck halten, ohne dauerhaft von Kampfflugzeugen oder Artillerie unterstützt zu werden
  • Schnell auf flüchtige Ziele wie mobile Radare oder Führungsfahrzeuge reagieren
  • Von improvisierten Standorten aus operieren, die für herkömmliche Startgeräte ungeeignet wären

Diesen operativen Vorteilen stehen Risiken gegenüber: Die Abstimmung mit eigenen Kräften ist entscheidend, und die Versuchung, mithilfe von KI größere Teile des Prozesses zu automatisieren, wirft ethische und rechtliche Fragen auf, mit denen sich Streitkräfte weiterhin auseinandersetzen.

Langfristige Szenarien für das emiratische Raketenökosystem

Setzt sich die aktuelle Entwicklung fort, könnten MBDA UAE, Diamond Shaped und ETB innerhalb eines Jahrzehnts den Kern eines umfassenderen emiratischen Angriffssystems bilden.

Ein plausibles Szenario sieht vor, dass Abu Dhabi nicht nur importierte Bausätze montiert, sondern Gefechtsköpfe, Antriebe und Lenkungen an die eigenen Anforderungen anpasst und anschließend regionalen Kunden Raketen sowie herumlungernde Munition „made in UAE“ unter europäischer Lizenz anbietet.

Ein anderes Szenario besteht darin, dass emiratische Ingenieure diese ersten Projekte als Sprungbrett nutzen, um vollständig neue Systeme zu entwickeln. Diese könnten lokal produzierte Thermobatterien, KI-gestützte Lenkung und eigene Flugkörperzellen kombinieren, die auf die Geografie der Golfregion und die dortigen Bedrohungswahrnehmungen zugeschnitten sind.

Für Streitkräfte und Analysten in Europa und Nordamerika ist die Botschaft eindeutig: Die VAE entwickeln sich im Raketenbereich vom anspruchsvollen Kunden zum aufstrebenden Koproduzenten. Diamond Shaped ist trotz seiner bescheidenen Größe ein wesentlicher Markstein dieses Wandels.

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