Der steile Anstieg des Goldpreises verschiebt die globale Rohstofflandschaft zunehmend im Verborgenen. In zahlreichen Ländern bildet sich ein zweiter, informeller Goldsektor heraus: Kleine Betreiber graben ohne Genehmigung, vermengen Schlämme mit Quecksilber und verkaufen ihre Funde über fragwürdige Zwischenhändler. Fachleute der Branche gehen mittlerweile davon aus, dass dieser Schattenmarkt beinahe ein Drittel des gesamten Goldangebots ausmacht.
Goldpreis lockt Menschen von den Feldern in die Gruben
An Orten, an denen früher Mais, Kakao oder Kaffee angebaut wurden, prägen inzwischen Krater die Landschaft. Besonders sichtbar ist diese Entwicklung in goldreichen Ländern wie Ghana und Peru sowie in Teilen Südostasiens. Ganze Dorfgemeinschaften wechseln ihre Erwerbsgrundlage: Statt Landwirtschaft betreiben Familien nun mit Schaufeln, Hacken und einfachen Waschvorrichtungen improvisierte Goldsuche.
Die Aussicht auf Einkommen ist enorm. Mit etwas Glück lässt sich innerhalb weniger Tage verdienen, wofür auf dem Feld zuvor ein ganzer Monat nötig war. Dieser Aufstieg nährt Hoffnungen, bringt jedoch zugleich neue Abhängigkeiten hervor. Schwankende Einnahmen je nach Saison, Schulden bei Verleihern von Ausrüstung und der Einfluss lokaler Banden machen es vielen Kleinbergleuten schwer, den Abbau wieder aufzugeben.
„Schätzungen zufolge stammen inzwischen rund 30 Prozent des weltweit geförderten Goldes aus handwerklichen und informellen Minen – deutlich mehr als noch vor wenigen Jahren.“
Die Weltbank bezifferte den Anteil noch 2021 auf ungefähr 20 Prozent. Experten halten diesen Wert inzwischen für längst überholt. Weil der Goldpreis Rekordniveau erreicht hat, werden selbst weit abgelegene Lagerstätten rentabel, die früher als uninteressant galten.
Quecksilber, Abholzung und Kriminalität: die Kosten des Billiggoldes
Der Aufschwung der Schattenwirtschaft hat gravierende toxische Folgen. In vielen improvisierten Minen wird Quecksilber eingesetzt, um feine Goldpartikel aus dem Gestein herauszulösen. Dieses Verfahren ist günstig, unkompliziert und zugleich äußerst gefährlich.
Beim Goldwaschen an Flussufern gelangt überschüssiges Quecksilber häufig direkt ins Wasser. Fische nehmen das Schwermetall auf, ehe es später in den menschlichen Körper gelangt. Bei Kindern in betroffenen Gebieten treten vermehrt neurologische Schäden auf; für Frauen besteht während der Schwangerschaft ein erhöhtes Risiko.
- Wasser: Schlamm, Chemikalien und Quecksilber belasten Flüsse.
- Wälder: Für neue Gruben werden Regenwälder und Savannen abgeholzt.
- Gesundheit: Beschäftigte atmen giftige Dämpfe ein, meist ohne Schutzmasken.
- Sicherheit: Banden und Schmugglernetzwerke erschließen sich mit Gold eine Einnahmequelle.
Für illegale Geschäfte ist Gold besonders geeignet: Das Metall ist wertvoll, leicht zu transportieren und kann vergleichsweise einfach in legale Handelsströme gelangen. Organisierte Gruppen verwenden es zur Geldwäsche, zur Finanzierung weiterer Straftaten oder als verlässliche Wertanlage in Zeiten schwankender Währungen.
Ein Markt im Wert von fast einer halben Billion Dollar
Laut Zahlen des Branchenverbands World Gold Council belief sich die weltweite Goldförderung 2024 auf rund 3.591 Tonnen. Zum gegenwärtigen Preis entspricht dies einem Wert von mehr als 480 Milliarden US-Dollar. In diesem riesigen Markt scheinen informelle Anbieter zunächst nur eine Nebenrolle zu spielen. Ihr Anteil wächst jedoch erheblich schneller als der des traditionellen industriellen Bergbaus.
Große börsennotierte Unternehmen stehen unter dem Druck von Anlegern, Aufsichtsbehörden und Umweltschutzorganisationen. Sie investieren verstärkt in Arbeitssicherheit, die Wiederherstellung genutzter Flächen und moderne Technologien. Dadurch verteuert sich die reguläre Förderung und ihr Wachstum wird gebremst. Kleine Gruppen füllen diese Lücke im Schatten des offiziellen Marktes, verzichten auf sämtliche Standards und arbeiten daher zu niedrigeren Kosten.
„Je strenger der regulierte Goldbergbau wird, desto attraktiver erscheint für viele der Ausweg in informelle Aktivitäten – vor allem dort, wo der Staat schwach ist.“
Länder mit begrenzten Haushaltsmitteln können entlegene Gebiete oft kaum überwachen. Häufig mangelt es an geschulten Inspektoren, zeitgemäßen Messgeräten oder schlicht am politischen Willen, gegen einflussreiche lokale Eliten vorzugehen, die von diesen Geschäften profitieren.
Der Versuch, den Graumarkt zu regulieren
Einige Staaten versuchen, den informellen Sektor nicht ausschließlich zu bekämpfen, sondern ihn schrittweise zu ordnen. Kleinbergleute sollen ihre Tätigkeit legalisieren, Zugang zu kontrollierten Verarbeitungsanlagen erhalten und ihr Gold über offizielle Kanäle verkaufen können.
Ein Beispiel dafür ist die Anlage Veta Dorada des Unternehmens Dynacor in Peru. Dort liefern Kleinproduzenten ihr Erz ab, das anschließend ohne Quecksilber aufbereitet wird. Die Betreiber zahlen einen dokumentierten Preis, führen Steuern ab und verkaufen das Gold an internationale Käufer, denen eine nachvollziehbare Herkunft wichtig ist.
Solche Zentren sollen mehrere Herausforderungen gleichzeitig lösen:
- Weniger Umweltgifte durch eine saubere Aufbereitung.
- Verlässlichere Einkommen für kleine Förderer, da sie nicht länger von Zwischenhändlern abhängig sind.
- Größere Transparenz, weil Behörden Mengen, Zahlungen und Beteiligte besser verfolgen können.
- Weniger Möglichkeiten für Schmuggelnetzwerke, die bislang von Anonymität profitieren.
Formalisierung statt Verbot: ein realistischer Weg?
Viele Experten bezweifeln, dass ein striktes Verbot des informellen Bergbaus wirksam wäre. Armut, Arbeitslosigkeit und die Aussicht auf rasche Einnahmen sind zu prägend. Werden Menschen ihre Schaufeln weggenommen, ohne ihnen Alternativen anzubieten, drohen soziale Spannungen und weitere Konflikte.
Eine Formalisierung erscheint pragmatischer, erfordert aber erheblichen Aufwand. Staaten müssen rechtliche Abläufe vereinfachen, damit kleine Gruppen tatsächlich Lizenzen erhalten können. Banken und Mikrofinanzinstitute benötigen Angebote, die zu saisonalen und unregelmäßigen Einkünften passen. Internationale Goldkäufer wiederum müssen bereit sein, etwas höhere Preise zu akzeptieren, wenn dadurch Umweltstandards und Menschenrechte besser geschützt werden.
Was der Goldboom für Konsumenten in Europa bedeutet
Gold aus informellen Minen bleibt nicht auf Schmuckmärkte in den Förderländern beschränkt. Über Raffinerien und Zwischenhändler gelangt es an Handelsplätze in der Schweiz, London oder Dubai und von dort in Barren, Münzen, Schmuckstücke sowie industrielle Anwendungen.
Wer in Deutschland ein Goldarmband erwirbt oder in Münzen investiert, kann meist nicht sicher nachvollziehen, aus welcher Mine das Metall stammt. Zwar gibt es Zertifizierungssysteme und Herkunftsnachweise, doch sie erfassen nur einen Teil des Marktes. Besonders schwierig sind Lieferketten, in denen Gold wiederholt eingeschmolzen und mit anderem Material vermischt wird.
Einige Händler setzen deshalb verstärkt auf die Rückgewinnung aus Altgold. Recycling schont Lagerstätten und verursacht deutlich weniger Emissionen. Parallel entwickeln Organisationen Programme für „verantwortungsvoll gefördertes“ Gold: Kleinbergleute erfüllen dabei bestimmte Umwelt- und Sozialstandards und erhalten im Gegenzug einen Preisaufschlag.
Begriffe und Hintergründe: Was Kleinbergbau bedeutet
Als handwerklicher oder kleinteiliger Goldabbau gelten Tätigkeiten, bei denen vor allem Familien oder kleine Gruppen mit einfachen Geräten arbeiten. Das Spektrum reicht von teilweise legalen Kooperativen mit grundlegenden Genehmigungen bis zu vollständig illegalen Einsätzen tief im Regenwald.
In vielen Gegenden besteht diese Form der Förderung seit Generationen. Der jüngste Preisanstieg hat sie jedoch deutlich intensiver und stärker auf den Markt ausgerichtet. Wo früher nur einige Tage pro Jahr gegraben wurde, entstehen heute Dauerbetriebe mit Pumpen, Generatoren und schwerem Gerät.
Für die betroffenen Staaten ergibt sich daraus ein schwieriger Interessenausgleich. Gold schafft Deviseneinnahmen, Arbeitsplätze und Infrastrukturprojekte. Gleichzeitig bedrohen zerstörte Flussläufe, verseuchte Böden und bewaffnete Gruppen die langfristige Entwicklung. Wer kurzfristige Gewinne maximiert, nimmt bleibende Schäden in Kauf und verstärkt die Abhängigkeit von einem Rohstoff mit stark schwankendem Preis.
Anleger, Politik und Verbraucher im deutschsprachigen Raum sollten daher genauer hinter die glänzenden Barren schauen: Der gegenwärtige Goldrausch handelt längst nicht allein von Rekordpreisen, sondern ebenso von informellen Minen, gefährdeten Gemeinschaften und dem schwierigen Bemühen, einen globalen Milliardenmarkt in geordnete Bahnen zu führen.
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