Boom Supersonic und die Rückkehr des Überschallflugs
Eines vorweg: Kaufen kann man diese Anlage nicht – und neben einem Gartenhaus würde man einen solchen Generator wohl kaum aufstellen.
Boom Supersonic sagt Ihnen etwas? Das junge US-Start-up verfolgt seit 2014 ein besonders ehrgeiziges Ziel: Nach der Außerdienststellung der Concorde soll der Überschallflug in die zivile Luftfahrt zurückkehren. Sein Demonstrator XB-1 hat bei den Tests bereits beeindruckende Ergebnisse erzielt, nachdem die FAA im Oktober 2024 ihre Genehmigung erteilt hatte.
Wie die Bezeichnung bereits nahelegt, ist der XB-1 lediglich ein Prototyp, der die technische Machbarkeit der Entwicklungen nachweisen soll. Das tatsächlich zum Verkauf vorgesehene Überschallflugzeug heißt Overture und ist deutlich weiter entwickelt. Um dessen Finanzierung zu sichern, will das Unternehmen eine stationäre Ausführung seines künftigen Symphony-Triebwerks vermarkten. Diese Superpower genannte Turbine soll Rechenzentren mit Energie versorgen. Der Ansatz mag zunächst überraschend wirken, ist aber ausgesprochen klug: Boom kann damit die Overture-Entwicklung finanzieren und gleichzeitig Einnahmen in einem Energiesektor erzielen, in dem viel Geld umgesetzt wird.
Superpower: Die Turbine als möglicher Antrieb für die Overture
Für Superpower gibt es bereits einen ersten Abnehmer: Crusoe, ein US-Start-up für die Energieversorgung digitaler Infrastruktur. Das Unternehmen hat schon 29 Anlagen für 1,25 Milliarden Dollar bestellt. Sie sollen 1,21 GW an momentaner Leistung bereitstellen – also die elektrische Leistung, welche die Turbinen bei dauerhaftem Betrieb unter Volllast erzeugen können.
Diese Summe ergibt sich aus Booms Preis von 1.033 Dollar/kW für seine Turbinen. Darin enthalten sind allerdings ausschließlich die Turbine selbst und ihr Steuerungssystem. Damit aus den Superpower-Anlagen vollständig funktionsfähige Kraftwerke werden, muss Crusoe zusätzlich Abgasreinigung, Stromanschlüsse, Standortplanung, Gasleitungen und weitere Komponenten finanzieren. Mit diesen Ausgaben steigt die Rechnung problemlos auf 2.000 Dollar/kW. Das ist teuer, bleibt jedoch gegenüber kleinen Gas-und-Dampf-Kombikraftwerken wettbewerbsfähig, deren Endkosten in einer ähnlichen Größenordnung liegen.
Boom-Gründer Blake Scholl steht zu diesem sorgfältig vorbereiteten Kurswechsel: „Ich habe zehn Jahre lang danach gesucht, was unser Starlink sein könnte“, sagt er. SpaceX dient ihm dabei als Vorbild, denn die Starlink-Abonnements machen das Unternehmen wirtschaftlich tragfähig und bringen jährlich Milliarden Dollar ein: Sie bilden die größte Einnahmequelle, mit der SpaceX seine Trägerraketen in hohem Tempo entwickeln kann.
Eine Flugzeugturbine als Energiequelle einzusetzen, mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen, ist aber weniger abwegig, als es klingt. Da Superpower 80 % seiner Bauteile mit dem Symphony-Triebwerk gemeinsam hat, kann diese Strategie die Entwicklung der Overture unterstützen, ohne das Unternehmenskapital zu verwässern. Parallel lassen sich die laufenden Kosten der Triebwerksentwicklung besser amortisieren. Eine Win-win-Situation.
Kombikreislauf: Booms Schlüssel zu einem höheren Wirkungsgrad
Aktuell strebt Boom für seine Superpower-Turbinen einen Wirkungsgrad von 39 % an. Anders gesagt: Von der gesamten im verbrannten Gas enthaltenen Energie werden nur 39 % tatsächlich in Strom umgewandelt. Der übrige Anteil geht als Wärme verloren und wird über die Abgase abgeführt – bei dieser Turbinenart ein normaler Vorgang.
Boom entwickelt jedoch bereits ein Kombikreislaufmodul, das diese bislang verlorene Wärme nutzen soll. Sie wird eine zweite Maschine antreiben, die ebenfalls Strom erzeugt. Zusammen mit der Turbine könnte der Gesamtwirkungsgrad auf 60 % steigen. Scholl betont allerdings, dass es sich nicht um eine sofort einsatzbereite Lösung handelt und die Entwicklung dieses Rückgewinnungsmoduls noch längst nicht abgeschlossen ist: „Diese Kombikraftwerke sind echte Großbaustellen“, warnt er.
Geräuschentwicklung der Superpower-Turbine
Auch der Lärmpegel der Superpower ist eine naheliegende Frage, schließlich handelt es sich im Kern um ein kleines Flugzeugtriebwerk. Boom zufolge hält sich der Geräuschpegel in Grenzen; die Turbine werde „nicht lauter“ sein als bestehende Flugzeugturbinen. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie völlig geräuschlos arbeitet: In der Nähe mancher Rechenzentren mit Gasturbinen nehmen Anwohner deren Rauschen noch in fast einem Kilometer Entfernung wahr.
Bislang hat Boom nur diesen einen Kunden, möchte aber weitere Bestellungen gewinnen und seine Produktionskapazität deutlich erhöhen. Bis 2028 will das Unternehmen genügend Turbinen bauen, um 1 GW Leistung bereitzustellen. 2029 sollen es 2 GW sein, 2030 schließlich 4 GW. „Die Gewinne aus Superpower werden Overture finanzieren“, erklärt Scholl. Deshalb setzt Boom die Ziele so hoch an: Das Überleben seines größten Projekts hängt davon ab.
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