China hat in den vergangenen Jahrzehnten mehr gebaut als die meisten Länder in einem Jahrhundert. Wolkenkratzer werden immer höher errichtet, Autobahnen durchziehen ganze Provinzen, und vollständige Stadtviertel entstehen beinahe über Nacht. Dieses Wachstum hat die Wirtschaft angetrieben und Millionen Menschen aus der Armut geholfen.
Der Bauboom hinterlässt jedoch nicht nur eine veränderte Skyline, sondern auch Luftverschmutzung, die Menschen einatmen. Eine neue landesweite Studie zeigt, dass die Art, wie China seine Städte baut, jedes Jahr mit einer erschreckend hohen Zahl vorzeitiger Todesfälle verbunden sein könnte.
Im Mittelpunkt steht Feinstaub, der als PM2.5 bezeichnet wird. Diese winzigen Partikel sind ungefähr 30-mal kleiner als die Breite eines menschlichen Haares. Sie gelangen tief in die Lunge und können sogar in den Blutkreislauf eindringen.
Langfristig erhöhen sie das Risiko für Herzkrankheiten, Schlaganfälle, Lungenkrebs und Atemwegserkrankungen. Weltweit zählt PM2.5 zu den größten umweltbedingten Gesundheitsgefahren.
Die tatsächlichen Kosten des Bauens in China
Bei Luftverschmutzung denken die meisten Menschen an Verkehr oder Schornsteine. Baustellen werden dagegen nur selten als Ursache wahrgenommen.
Die neue Untersuchung kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass baubedingte Emissionen in China 2019 etwa 1,1 Millionen vorzeitige Todesfälle verursachten. Damit entfällt auf das Bausystem rund die Hälfte der gesamten PM2.5-bedingten Sterblichkeit des Landes.
Dabei geht es um weit mehr als Staub, der direkt auf Baustellen entsteht. Die Studie betrachtete den vollständigen Bauprozess.
Einbezogen wurden Emissionen aus der Herstellung von Zement und Stahl, der Stromerzeugung, dem Transport, dem Betrieb von Maschinen sowie dem Heizen und der Energieversorgung von Gebäuden.
Die Autoren der Studie stammen von der Southern University of Science and Technology, der Peking-Universität, der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und der Tsinghua-Universität.
Um baubedingte Verschmutzung nachzuverfolgen und unmittelbar mit PM2.5-assoziierten Todesfällen zu verknüpfen, kombinierten die Forschenden ein landesweites Emissionsinventar mit ökonomischer Input-Output-Modellierung, atmosphärischen Simulationen und epidemiologischen Risikoanalysen.
Wo die Belastung am größten ist
Die gesundheitlichen Folgen verteilen sich nicht gleichmäßig über das Land. In Städten stammen die wichtigsten gesundheitlichen Auswirkungen des Bauens aus indirekten Emissionen vorgelagerter Industrien; sie machen 60% der Todesfälle in städtischen Gebieten aus.
Das deutet darauf hin, dass vor allem Fabriken für Zement, Stahl und Stromerzeugung verantwortlich sind. Die städtische Bevölkerung lebt möglicherweise weit entfernt von diesen Anlagen, doch ihre Nachfrage nach Gebäuden führt zur Verschmutzung anderer Regionen.
In ländlichen Gebieten stellt sich das Problem anders dar. Dort werden die Gesundheitsbelastungen hauptsächlich durch Emissionen während des Betriebs verursacht, insbesondere durch das winterliche Heizen mit Kohle und Biomasse.
Die langen, kalten Winter in Nordchina veranlassen viele Haushalte dazu, Kohle oder Ernterückstände zum Heizen zu verbrennen. Dadurch ist die PM2.5-Belastung hoch, und die Sterblichkeit in ländlichen nördlichen Regionen fällt unverhältnismäßig stark aus.
Die Studie verfolgte außerdem die zeitliche Entwicklung dieses Musters. Während der raschen Urbanisierung zu Beginn der 2000er-Jahre stieg die Zahl baubedingter Todesfälle deutlich an. Um 2008 erreichte sie ihren Höchststand und ging anschließend zurück, als Maßnahmen zur Luftreinhaltung griffen.
Nach 2015 führten sauberere Stromerzeugung und Modernisierungen der Industrie zu einem gleichzeitigen Rückgang von Kohlendioxid und vorzeitigen Todesfällen.
Klimaschutz, der zugleich Leben rettet
„Das Bauwesen wurde lange vor allem unter dem Gesichtspunkt der CO2-Emissionen betrachtet, doch unsere Ergebnisse zeigen, dass es ebenso ein Thema der öffentlichen Gesundheit ist“, stellten die Forschenden fest.
„Wenn wir das gesamte Bausystem berücksichtigen, zeigt sich, dass Entscheidungen über Baumaterialien, Energiequellen und Heiztechnologien über Leben und Tod entscheiden können.“
„Die ermutigende Botschaft lautet, dass viele CO2-arme Strategien – insbesondere solche für die Stromerzeugung und die Schwerindustrie – zugleich große gesundheitliche Vorteile bringen können. Die Abstimmung von Luftreinhalte- und Klimapolitik ist daher nicht nur effizient, sondern unverzichtbar.“
Die Forschenden modellierten auch künftige Szenarien. Eine konsequente Dekarbonisierung von Stromerzeugung und industrieller Energieversorgung könnte demnach erhebliche gemeinsame Vorteile für Klima und Gesundheit schaffen.
Sauberere Kraftwerke und effizientere Fabriken würden sowohl Treibhausgase als auch Feinstaub reduzieren.
In ländlichen Regionen muss die Umstellung auf sauberere Heizsysteme mit einer Bereinigung des Stromsektors einhergehen. Andernfalls könnten die Emissionen lediglich von den Haushalten zu den Kraftwerken verlagert werden.
Wachstum von Städten neu denken
Chinas Erfahrungen liefern Erkenntnisse, die über die Landesgrenzen hinausreichen. Viele Entwicklungsländer urbanisieren sich in hohem Tempo. Beton und Stahl bilden überall weiterhin das Fundament des modernen Bauens, während der Energiebedarf von Gebäuden weiter wächst.
Die Studie macht deutlich, dass Entscheidungen während des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes – von den verwendeten Materialien bis zu seiner Beheizung – die öffentliche Gesundheit messbar beeinflussen.
Bauen betrifft nicht nur Architektur oder Wirtschaft. Es wirkt sich auch darauf aus, wie lange Menschen leben.
Die positive Nachricht lautet, dass Lösungen bereits verfügbar sind. Sauberer Strom, CO2-arme Industrieprozesse und bessere Heizsysteme sind keine fernen Konzepte, sondern Technologien, die sich ausweiten lassen.
Wenn Klima- und Luftreinhaltepolitik in dieselbe Richtung gehen, lässt sich der Nutzen nicht nur in eingesparten Tonnen Kohlenstoff messen, sondern auch in geretteten Menschenleben.
China hat seine Städte in Rekordtempo gebaut. Im nächsten Kapitel könnte weniger die Geschwindigkeit des Bauens im Vordergrund stehen, sondern vielmehr die Frage, wie sauber es geschieht.
Die vollständige Studie wurde in der Fachzeitschrift Environmental Science & Ecotechnology veröffentlicht.
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