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Arisdorf: Zwei keltische Goldmünzen aus einem Schweizer Moor

Person gräbt im Garten mit zwei Goldmünzen, Werkzeug und Notizbuch auf Erde bei sonnigem Wetter aus.

Ihr Fund auf einer feuchten Fläche nahe Basel eröffnet nun neue Einblicke in die keltische Religion, den Fernhandel und die ersten Goldmünzen nördlich der Alpen.

Ein Zufallsfund, der keiner war

Die beiden Münzen kamen in Arisdorf im Kanton Basel-Landschaft bei einer gezielten Untersuchung des Fundplatzes Bärenfels ans Licht. Freiwillige, die mit Archäologie Baselland zusammenarbeiteten, hatten das Gebiet bereits als aussergewöhnlich reich an Überresten aus der späten Eisenzeit erfasst. Dazu gehörte auch ein 2023 entdeckter Hort mit 34 Silbermünzen.

Die Archäologinnen und Archäologen durchkämmten den Wald nicht einfach mit Metalldetektoren in der Hoffnung auf einen Glückstreffer. Stattdessen erstellten sie eine detaillierte Geländeaufnahme und richteten ihr Augenmerk besonders auf Karstmulden und flache Senken. Diese teilweise vernässten natürlichen Vertiefungen bilden das, was vor Ort als „Bärenfelser Moor“ bezeichnet wird.

Die Münzen lagen weder in einer Siedlung noch in einem Grab, sondern in einer feuchten Senke, die die Kelten der Antike möglicherweise als heiligen Ort betrachteten.

In der gesamten keltischen Welt hatten Feuchtgebiete häufig religiöse Bedeutung. Moore, Quellen und Flüsse galten als Übergangsräume, an denen Menschen Götter, Ahnen oder Mächte der Unterwelt erreichen konnten. Der nahe gelegene, ebenfalls vermutlich sakrale Platz Büechlihau im benachbarten Füllinsdorf stützt dieses Muster. Antike Autoren erwähnten in solchen Landschaften „lucus“, heilige Haine.

Die Untersuchung in Arisdorf setzte auf flache, kontrollierte Metalldetektorbegehungen und eine präzise Funddokumentation statt auf tiefgreifende Ausgrabungen. Damit blieb die empfindliche Stratigrafie geschützt, während einzelne Metallobjekte dennoch lokalisiert werden konnten. Anschliessend übernahmen Fachleute des Schweizerischen Inventars der Fundmünzen die Reinigung, Datierung und typologische Auswertung.

Unter den frühesten keltischen Goldmünzen der Schweiz

Die beiden Münzen stammen aus der Mitte bis zum späten 3. Jahrhundert v. Chr. Damit zählen sie in der Schweiz zu den ungewöhnlich frühen Beispielen keltischer Goldprägung. Landesweit sind nur wenige vergleichbare Stücke registriert, ungefähr zwei Dutzend.

Bei einer Münze handelt es sich um einen vollständigen Stater mit einem Gewicht von 7,8 Gramm aus dem sogenannten Gamshurst-Typ. Diese Serie zirkulierte vor allem entlang des Oberrheins im heutigen Südwestdeutschland. Die zweite Münze ist ein Viertelstater von 1,86 Gramm, der dem ursprünglich aus Ostfrankreich bekannten Montmorot-Typ zugeordnet wird.

Zwei Münzen, zwei unterschiedliche Traditionen: Die eine verweist auf das Rheingebiet, die andere auf Ostfrankreich – beide treffen in einem Schweizer Moor zusammen.

Diese Kombination deutet auf engmaschige Kontakte zwischen keltischen Gemeinschaften beiderseits des Rheins und über heutige Staatsgrenzen hinweg hin. Es handelte sich nicht um isolierte Stämme am Rand Europas, sondern um Akteure in einem Geflecht aus Bündnissen, Handelswegen und gemeinsamen religiösen Praktiken.

Griechische Götter im keltischen Stil

Für Fachleute der antiken Numismatik wirken die Motive auf den ersten Blick vertraut. Beide Typen gehen auf Goldstater Philipps II. von Makedonien zurück, der im 4. Jahrhundert v. Chr. herrschte. Die Vorderseite zeigt den griechischen Gott Apollon im Profil. Auf der Rückseite fährt ein zweispänniger Wagen, eine Biga, über das Münzfeld.

Die keltischen Stempelschneider gingen jedoch kreativ mit diesen Vorbildern um. Apollons Gesicht entspricht nicht länger klassischen Proportionen. Seine Züge werden gedehnt, eingerollt und in Bögen sowie Punkte aufgelöst. Auch der Wagen zerfällt in Linien und Bogenformen, die beinahe abstrakt wirken.

Numismatiker bezeichnen diese Entwicklung als abstrakte keltische Ikonografie. Sie steht für mehr als blosses Nachahmen: Kunsthandwerker übernahmen prestigeträchtige fremde Zeichen und formten sie nach ihrer eigenen Bildsprache um. Eindeutigkeit wich der Andeutung. Die genaue Bedeutung einzelner Linien mag verloren gegangen sein, doch die Verbindung zu Macht, Ansehen und möglicherweise göttlicher Gegenwart blieb bestehen.

  • Motiv der Vorderseite: stilisierter Apollonkopf, abgeleitet von makedonischen Stateren
  • Motiv der Rückseite: fragmentierte Biga, auf dynamische Linien reduziert
  • Herstellung: Prägung mit gravierten Stempeln auf erhitzten Goldrohlingen
  • Umlauf: begrenzt, wahrscheinlich auf Eliten und besondere Anlässe konzentriert

Wie mediterranes Geld in keltische Hände gelangte

Goldmünzen entstanden nicht plötzlich auf keltischem Boden. Ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. verliessen Krieger aus Mitteleuropa ihre Heimat, um als Söldner in griechischen, makedonischen und später hellenistischen Heeren zu kämpfen. Historische Quellen nennen keltische Truppen in Makedonien, Thrakien und Kleinasien, die oftmals in Gold entlohnt wurden.

Diese Soldaten brachten nicht nur ihren Sold zurück. Sie vermittelten auch die Idee der Münzprägung: eine genormte Metallscheibe mit allgemein anerkanntem Wert, durch Autorität abgesichert und über die Grenzen eines einzelnen Dorfs hinaus verwendbar. Lokale Herrscher erkannten rasch das politische Potenzial solcher Objekte.

In frühen keltischen Gesellschaften standen Goldmünzen oft für Rang, Loyalität oder heilige Verpflichtung, bevor sie als alltägliches Zahlungsmittel dienten.

Nach Untersuchungen von Archäologie Baselland wechselten Stücke wie die Münzen von Arisdorf in kleinen Märkten vermutlich nur selten den Besitzer. Wahrscheinlicher ist ihre Verwendung bei diplomatischen Tauschvorgängen, als Mitgift, als Geschenke zwischen Anführern oder als Opfergaben bei öffentlichen Ritualen. Ein Goldstater konnte Zugehörigkeit ebenso deutlich ausdrücken, wie er Reichtum bemass.

Technisch erreichten keltische Münzstätten ein hohes handwerkliches Niveau. Die Handwerker übernahmen griechische Techniken der Stempelgravur und arbeiteten mit kontrollierter Erhitzung sowie präzisem Prägen. Während sie griechische Gewichtsnormen beibehielten, veränderten sie die Bildmotive. Das spricht für eine bewusste Auswahl: Was für die Abrechnung funktionierte, blieb erhalten; was lokale Identitäten ausdrückte, wurde neu gestaltet.

Ritualdeponierungen in einer lebendigen Landschaft

Von Zahlungsmitteln zu Opfergaben

Der Fundort der Münzen von Arisdorf in einer feuchten Senke statt in einer Siedlungsschicht spricht deutlich für eine absichtliche Niederlegung. Weder Gebäudespuren noch ein Grab oder ein Hortbehälter befanden sich bei ihnen. Sie lagen vielmehr einzeln in einer natürlichen Vertiefung, die unter den Bedingungen der Eisenzeit feuchter und vermutlich eindrucksvoller gewesen wäre.

Antike Autoren wie Strabon und Poseidonios beschrieben bereits keltische Praktiken, Waffen, Schmuck oder Tiere in Seen und Flüsse zu werfen. Die Archäologie hat dieses Muster bestätigt: in Seen versenkte und unbrauchbar gemachte Schwerter, Schilde in Flüssen, Fibeln in Mooren – und nun Münzen.

Die beiden Stücke aus Arisdorf könnten ein eingelöstes Gelübde, eine Bitte um Schutz oder ein Dankopfer nach erfolgreichen Verhandlungen oder einer Heilung darstellen. Weil beide aus Gold bestehen und unterschiedliche Ursprünge haben, könnten sie sogar ein gezielt ausgewähltes Paar gewesen sein, das die Verbindung von Gruppen oder Territorien symbolisierte.

Aspekt Verlust einer Alltagsmünze Ritualdeponierung
Fundort Wege, Märkte, Siedlungen Moore, Quellen, Flussbetten, abgelegene Senken
Begleitfunde Gemischte Rückstände, Haushaltsabfall Prestigeobjekte, Waffen, Schmuck
Muster Verstreuter, zufälliger Verlust Sorgfältig niedergelegt, oft gruppiert oder symbolisch ausgewählt

Die weitere Region um Basel scheint mehrere derartige Freiluftheiligtümer zu umfassen. Büechlihau, wahrscheinlich ein heiliger Hain, könnte Teil einer Rituallandschaft gewesen sein, in der Menschen für unterschiedliche Zeremonien von Ort zu Ort gingen: Schwüre auf einer Lichtung, Opfer in einem Moor und Versammlungen auf einem nahe gelegenen Hügel.

Was der Fund für das Bild der keltischen Schweiz verändert

Der Fund von Arisdorf ergänzt entscheidend das Verständnis davon, wie sich die Münzprägung nördlich der Alpen ausbreitete. Er bestätigt, dass lokale Eliten im 3. Jahrhundert v. Chr. Goldmünzen mediterranen Typs verwendeten und sie selbstbewusst umgestalteten. Zugleich verstärkt er die Annahme, dass Geld, Religion und Politik in Gesellschaften der Eisenzeit eng miteinander verschmolzen waren.

Für die heutige Forschung sind solche Funde wichtig, weil sie in einer Landschaft, in der organische Materialien häufig vergangen sind, seltene zeitliche Fixpunkte schaffen. Erscheint ein Münztyp wie Gamshurst oder Montmorot in einem gesicherten Kontext, verankert er Handelswege, Bündnisse und kulturelle Einflüsse in einer bestimmten Generation.

Auch andere Entdeckungen lassen sich mit diesen Münzen besser einordnen. Enthält ein Metallhort an anderer Stelle in der Schweiz ähnliche Stücke, können Archäologinnen und Archäologen nun genauer abschätzen, wann und wie diese Objekte dorthin gelangten und ob ihre Besitzer an denselben überregionalen Netzwerken beteiligt waren.

Wie die Öffentlichkeit diese Vergangenheit entdecken kann

Funde wie jener von Arisdorf werfen eine praktische Frage auf: Was sollten Wandernde oder Hobby-Sondengänger tun, wenn sie auf etwas Vergleichbares stossen? In der Schweiz gehört archäologisches Erbe wie in vielen europäischen Ländern der Öffentlichkeit und unterliegt kantonalen Vorschriften. Die Meldung eines Fundes an die zuständigen lokalen Behörden ermöglicht eine fachgerechte Dokumentation und verhindert, dass Objekte ihren Kontext verlieren, der den grössten Teil ihres wissenschaftlichen Werts ausmacht.

Bildungsprogramme von Institutionen wie Archäologie Baselland schulen Freiwillige bereits in verantwortungsvoller Feldarbeit. Die Teilnehmenden lernen, vielversprechende Landschaften zu erkennen, Koordinaten festzuhalten und empfindliche Objekte sachgerecht zu behandeln. Die Münzen von Arisdorf zeigen, wie die Zusammenarbeit von Fachleuten und Freiwilligen kleine, aber entscheidende Artefakte in die historische Überlieferung einbringen kann.

Wer sich für keltische Religion und frühes Geld interessiert, findet in diesem Fall einen anschaulichen Ausgangspunkt: Eine Münze kann zugleich Zahlungsmittel und Gebet sein. Die moderne Wirtschaft trennt Finanzen oft vom Glauben. In der Schweiz der späten Eisenzeit konnte ein glänzender Stater, der in einem Moor versank, beide Funktionen gleichzeitig erfüllen.

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