Am Boulevard Daguerre in Saint-Étienne ziehen zwei kreisrunde Wohngebäude aus der Zwischenkriegszeit bis heute die Blicke auf sich. Der Architekt Auguste Bossu entwarf sie so, dass sie von der Straße aus verspielt wirken, im Inneren jedoch eine überraschende Ruhe ausstrahlen. Ihr Konzept des gemeinschaftlichen Wohnens erscheint auch Jahrzehnte nach seiner Verwirklichung noch bemerkenswert modern.
Wer sie entwarf und warum
Auguste Bossu war ein Querdenker mit einem klaren Konzept. Den unterbrochenen Rhythmus gewöhnlicher Treppenhäuser lehnte er ab. Stattdessen wollte er eine fortlaufende Bewegung schaffen, vergleichbar mit einem Spaziergang auf dem Gehweg. 1933 stellte er das erste der „Chalets de Bizillon“ fertig, das vor Ort besser als Häuser ohne Treppen bekannt ist. Ein zweites, nahezu baugleiches Gebäude entstand 1939–1940, unmittelbar bevor der Krieg den französischen Wohnungsbau beeinträchtigte.
Bossu ersetzte Stufen durch eine sanft ansteigende Wenderrampe, die einen hellen zentralen Luftraum umschließt und die vertikale Erschließung in einen bequemen Weg verwandelt.
Die Idee klingt schlicht – und genau das ist sie auch. Mit geringer Steigung windet sich die Rampe nach oben, erschließt jeden Absatz und verlangt an keiner Stelle das Überwinden einer Stufe. Damit stellte das Konzept Zugänglichkeit in den Mittelpunkt, lange bevor Bauvorschriften sie verbindlich regelten. Zugleich verband es die Nachbarschaft über einen gemeinsamen Mittelpunkt: ein lichtdurchflutetes Atrium, das zum Innehalten, Begegnen und Weitergehen gedacht war.
So funktionieren die Gebäude
Jeder Bau umfasst 36 Wohnungen auf sechs Ebenen. Vom Eingang im Erdgeschoss gelangen Bewohnerinnen und Bewohner zu ihrer Wohnung zu Fuß, mit Kinderwagen oder mit einem Handwagen, ohne auch nur eine Stufe betreten zu müssen. Die Rampe legt sich um einen Innenhof, der unter einer Betonkuppel mit Glasbausteinen hell erstrahlt. Das Sonnenlicht fällt gedämpft herein. Der Nachhall bleibt angenehm zurückhaltend. Der Alltag wirkt übersichtlich und sicher.
- Baujahr des ersten Gebäudes: 1933
- Bau des zweiten Gebäudes: 1939–1940
- Geschosse: sechs je Gebäude
- Wohnungen: 36 je Gebäude
- Treppenhäuser: keine, bewusst so geplant
An den Außenfassaden treffen Kreise auf Sechsecke. Sechs vorspringende Rippen gliedern das runde Bauvolumen in einzelne Facetten. Vom Gehweg aus erscheinen die Gebäude zugleich massiv und leicht, beinahe wie Schiffe. Die Eingänge waren einst von Wasserstrahlen und mineralischen Gestaltungen gerahmt – eine kleine urbane Bühne, die selbst alltäglichen Ankünften etwas Besonderes verleihen sollte.
Architektur und Materialien
Bossus Geometrie war weit mehr als bloße Dekoration. Der runde Grundriss hielt die Steigung der Rampe angenehm. Die Rippen versteiften die Gebäudehülle. Glasbausteine in der Kuppel brachten Tageslicht blendfrei in den Kern. Im Inneren folgen die Handläufe der Kurve, die Absätze öffnen sich mit gleichbleibender Breite zum Atrium, und die Türen reihen sich in einem vorhersehbaren Rhythmus aneinander. Dadurch lässt sich das Gebäude selbst beim ersten Besuch intuitiv erschließen.
Kein einzelnes Bauteil drängt sich in den Vordergrund. Das gesamte Ensemble – Rampe, Licht und Geometrie – dient unaufdringlich den alltäglichen Bedürfnissen unterschiedlichster Menschen.
Denkmalschutz und Anerkennung
1989 stellte Frankreich Teile des ersten Gebäudes unter Denkmalschutz. Dazu gehörten die Fassaden, Terrassen, der Innenhof, die Rampe und die Oberlichter. Mit diesem Status wurden die Gebäude als seltene, weiterhin funktionierende Prototypen eines barrierearmen Wohnungsbaus des frühen 20. Jahrhunderts gewürdigt.
| Jahr | Meilenstein |
|---|---|
| 1933 | Erstes „Haus ohne Treppen“ am Boulevard Daguerre fertiggestellt |
| 1939–1940 | Zweites, nahezu baugleiches Gebäude in der späten Zwischenkriegszeit errichtet |
| 1989 | Zentrale Elemente des ersten Gebäudes unter Denkmalschutz gestellt |
Ein Alltag, den die Rampe prägt
Stufenfreies Wohnen verändert viele kleine Abläufe. Einen Kinderwagen zu bewegen wird unkompliziert. Einkäufe lassen sich auf einem kleinen Trolley nach Hause rollen. Nachbarinnen und Nachbarn können sich beim langsamen Aufwärtsgehen unterhalten, statt sich auf einem engen Treppenlauf aneinander vorbeizudrängen. Auch Lieferungen werden einfacher. Menschen mit vorübergehenden Verletzungen bewahren ihre Selbstständigkeit. Ältere Bewohnerinnen und Bewohner können ihr eigenes, gleichmäßiges Tempo halten.
Die Rampe ist kein technisches Gimmick, sondern das Rückgrat des Gebäudes. In einer Zeit alternder Gesellschaften und eines wachsenden Interesses an inklusivem Design wirkt diese Entscheidung vorausschauend. Sie verringert Konfliktstellen und nimmt die Angst vor Stürzen auf kurzen Wegen. Das zentrale Atrium schafft zusätzlich soziale Nähe und eine natürliche Form gegenseitiger Aufmerksamkeit. Man sieht vertraute Menschen – und wird selbst wahrgenommen.
Warum die Häuser ohne Treppen heute wichtig sind
Städte suchen heute nach Wohnformen, die allen Menschen offenstehen, ohne auf komplizierte Technik angewiesen zu sein. Bossus Antwort basiert auf räumlicher Gestaltung statt auf Maschinen. Die Gebäude zeigen, dass geringe Steigungen, klare Grundrisse und Tageslicht Aufgaben übernehmen können, die Aufzüge allein nicht lösen. Aufzüge können ausfallen und müssen gewartet werden. Rampen bleiben auch bei einem Stromausfall nutzbar. Außerdem regen sie zur Bewegung zu Fuß an.
- Zugänglichkeit als Grundprinzip statt als Ausnahme
- Gemeinschaftsflächen, die sicher und nutzbar wirken
- Tageslicht als Orientierungshilfe
- Energiearme Fortbewegung zwischen den Geschossen
- Architektur, die generationenübergreifend relevant bleibt
Einordnung in die Architekturgeschichte
Rampen prägen bekannte Kulturbauten, etwa die Dach-Teststrecke des Lingotto in Turin oder den spiralförmigen Verlauf des Guggenheim-Museums in New York. Dort steht das Spektakel im Vordergrund. Die Rampe in Saint-Étienne leistet etwas Selteneres: Sie bildet das Rückgrat gewöhnlichen Wohnens. Das macht das Experiment anspruchsvoller und auf stille Weise radikaler. Es musste an einem regnerischen Dienstag um 7 Uhr morgens funktionieren – nicht nur zur Eröffnung.
Lage und Erwartungen vor Ort
Die beiden runden Gebäude liegen am Boulevard Daguerre südlich des Zentrums von Saint-Étienne. Sie werden bewohnt und lassen sich von der Straße aus respektvoll betrachten. Beim Vorbeigehen sind die geschwungenen Fassaden und vorspringenden Rippen vom Gehweg deutlich erkennbar. Das eigentliche Erlebnis – das weiche Licht im Atrium und die langsame Spirale der Rampe – bleibt den Bewohnerinnen und Bewohnern vorbehalten. Diese Privatsphäre bewahrt den Ort als Zuhause und nicht nur als architektonische Fallstudie.
Was Gestaltende daraus lernen können
Universelles Design ist weder eine nachträgliche Ergänzung noch ein Etikett. Es ist eine Planungshaltung, die Erschließung als gemeinschaftliche Ressource versteht. Eine Wenderrampe wie jene von Bossu eignet sich nicht für jedes Grundstück. Die Erkenntnis lässt sich dennoch übertragen: Stufenlose Bewegung sollte der Normalfall sein. Soziales Leben gehört in die Mitte und nicht in übrig gebliebene Ecken. Geometrie sollte Wege verständlich machen, statt sie lediglich zu schmücken.
Als schnelle Orientierung gilt im Wohnungsbau: Rampen sollten nur sanft geneigt sein, damit das tägliche Gehen natürlich bleibt. Viele Vorschriften weltweit legen für barrierefreie Rampen Werte zwischen etwa 5 % und 8,33 % fest und verlangen regelmäßige Ruhepodeste. Planende müssen Weglänge und Kraftaufwand abwägen und anschließend Details wie Handlaufhöhe, Wendebreite und rutschfeste Oberflächen an reale Menschen und echte Einkaufstaschen anpassen.
Ein kleines Gedankenexperiment
Man stelle sich einen sechsgeschossigen Lückenbau auf einem engen innerstädtischen Grundstück vor. Anstelle eines Treppenkerns verläuft eine umlaufende Rampe um einen Lichthof. Für längere Wege oder schwere Transporte kommt ein kleiner, energiesparender Aufzug hinzu. Die Rampe bleibt jedoch die verlässliche Standardlösung. So verteilt sich der Fußverkehr, die Sorge vor Treppen nimmt ab, und Nachbarinnen und Nachbarn erhalten einen Ort für kurze Begegnungen, ohne die Erschließung zu blockieren.
Es gibt jedoch Zielkonflikte. Rampen beanspruchen mehr Fläche als steile Treppen. Die Konstruktion muss die gebogene Decke tragen können. Gute Belüftung und ausreichend Tageslicht sind entscheidend, damit der Rundweg angenehm bleibt. Das Beispiel aus Saint-Étienne zeigt einen möglichen Weg: eine helle Kuppel, ein gut proportionierter Kern und ein sorgfältiger Rhythmus entlang der Kurve.
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